Tomaten 1999 - 2006

Von Kommunikatoren und Tomaten

24.01.2006

Am Anfang war das Internet. Als SW Schweizer Werbung im Jahre 1998 mit einer eigenen Homepage online ging, startete sie mit zwei Rubriken. Einer informativ-positiven und einer satirisch-kritischen. Die beiden Gefässe «KommunikatorIn des Monats» und «Tomate des Monats» waren geboren. Und seit jenem Juni 1998 wurden die Kolumnen regelmässig publiziert.

Je 80 solcher Texte sind seither auf der Homepage der SW erschienen. Grund genug, zum 80-jährigen Bestehen des Dachverbandes Ende 2005 einen publizistischen Rückblick zu wagen. Wahlweise 52 KommunikatorInnen, die heute teilweise längst andere Jobs haben, sowie 28 Tomaten wurden in einem kleinen Büchlein zusammengetragen, welches Sie bei der SW beziehen können (+41 44 211 40 11).

Die von Piero Schäfer verfassten Artikel vermitteln einen kleinen Überblick über die Aktivitäten und kleinen Sünden der Branche.

Ab Februar 2006 wird die «Tomate des Monats» durch die neue Rubrik «KomKom», Kommentar zur Kommunikation, ersetzt.

 

01.11.2005

Falsche Destination


Sport ist, wie kaum etwas anderes, in der Lage, Emotionen auszulösen. Siege führen zu epidemieartigen, euphorischen Zuständen, Niederlagen zu lähmenden Depressionen. Als Simon Ammann seine ebenso wundersame wie kurze Flugphase erlebte, hob das ganze Land gefühlsmässig vom Schanzentisch ab und schwebte tagelang auf Glückes Flügeln. Solche Momente sind rar im Schweizer Sport. Und deshalb unvergesslich. Beim Alpin-Ski muss man weit zurückblättern, um in den Genuss einer erhebenden Erinnerung zu kommen. Seit geraumer Zeit herrscht hier die reine Trübsal. Und die Schwermut scheint uns auch heuer wieder zu begleiten, haben die Schweizer Skifahrer doch beim Auftakt in Sölden erneut schwer enttäuscht. Und jetzt kommt ein Inserent und gräbt noch in der Wunde: Man kann eine Reise an die Olympischen Spiele in Turin gewinnen. Mit Thomas Pfyl ist ein junger und erfolgreicher Behindertensportler abgebildet, und dies obschon man bei Olympischen Spielen wohl eher an Cuche und Co. denkt. Doch so wie die Saison begonnen hat, reist man mit Vorteil nicht nach Turin, sondern an die Paralympics nach Sestrière. Dort gibt es sicher mehr zu jubeln.

Maurice Motz

 

03.10.2005

Sonnenuntergang


In meinem Leibblatt habe ich kürzlich dieses Inserat entdeckt. Und mich echt hinein vertieft: Da sitzt ein intellektuell dreinschauender Fielmanntyp barfuss auf einer Treppe und blickt angestrengt und höchst konzentriert in die Ferne. Zuerst dachte ich, es handle sich um einen Judoka, und die Oberzeile mit dem Hinweis auf den japanischen Finanzmarkt löst auch entsprechende Assoziationen aus. Doch der Mann ist kein Sportler, sondern ein Mensch wie Du und ich und ausserdem wie jeder Durchschnittsbürger im Besitz eines Miros. Und weil der Mann seine finanziellen Anliegen durch eine gewisse Bank ausführen lässt, kann er selbigen ungestört geniessen. Er muss nur um die Ecke seiner architektonisch ziemlich verwinkelten Nobelbleibe gucken und schon kann er den glühenden Sonnenuntergang des katalanischen Künstlers bewundern. Irgendwie haben es die Choreographen der Szene nicht geschafft, den Blickkontakt zwischen dem Bildbesitzer und dem Kunstwerk herzustellen, sodass es dem Betrachter der Anzeige überlassen bleibt zu spekulieren, womit sich die Hauptperson tatsächlich beschäftigt. Den Miro jedenfalls lässt sie links liegen. Respektive hängen. Möglicherweise denkt der Mann trotz roter Sonne unentwegt an den japanischen Finanzmarkt. Auch das tun Durchschnittsbürger schliesslich jeden Tag. PS: Ich habe auch ein Konto bei dieser Bank und bin wirklich dankbar, dass ich meinen Miro nunmehr ungestört geniessen kann.

Maurice Motz

 


02.08.2005

Zweideutiges Sinnbild

Man weiss, dass der Konsument mit der Aufnahme von Informationen ausgesprochen am Anschlag ist. Das Auge des geneigten Lesers und der geneigten Leserin huscht in Windeseile über eine Inserateseite und erfasst, wenn denn überhaupt, nur Bruchstücke des Inhaltes. Keinesfalls tut das Auge und das damit verbündete Hirn dem Inserenten den Gefallen, sich intensiver mit der Aussage zu beschäftigen. Derweil der Anzeigeninhalt reichweitenweit immer noch auf Beachtung wartet, beschäftigt sich der Augapfel bereits mit der nächsten, redaktionell relevanten Information: Es liest einen Artikel. Eventuell hat es aber das auffallende, werbliche Sinnbild wahrgenommen, das da eben noch an ihm vorbeiflog. Und dieses zeigt einen Mann, der sich anschickt, ins Wasser zu tauchen. Durchaus sportlich zwar, aber eben doch eindeutig abwärtsgerichtet. Und was assoziiert das Hirn mit diesem Sinnbild? «Tauchen», oder einen «Sprung ins kalte Wasser», jedenfalls nicht unbedingt das, was die Werbung wollte, nämlich einen Bezug zu «startklar machen». Als gewissermassen professioneller Beobachter des Angebotes habe ich die Message zwar entdeckt, der durchschnittliche Konsument dürfte aber bei dem Tempo, mit welchem er oder sie Infos konsumiert, einen bildhaften Eindruck mit nehmen, der konträr zum Ansinnen des Inserenten sein dürfte.

Maurice Motz

 


01.07.2005

Verräterischer Blickkontakt
 

Es gibt ja immer wieder werbekritische Geister, die den Reklamefachleuten unterstellen, sie würden das Unterbewusstsein der und des Konsumierenden mit psychologischen Tricks und verführerischem Ansinnen ansprechen. Bewiesen hat das zwar noch nie jemand, diese Anzeige wäre aber zweifellos eine echte Spielwiese zur Analyse obiger Behauptung. Was sehen wir auf dem Inserat? Auf den ersten Blick einen Mann mit Zeitung und im Hintergrund ein sehr rotes Auto. Bei näherer Betrachtung erkennt man aber, dass das Fachblatt einen völlig unbenutzten, da gefalteten Status aufweist, was belegt, dass unser Nadelstreifenträger rein interessemässig durch etwas anderes als Lektüre in Beschlag genommen wird: Sein leicht verträumter Blick haftet offensichtlich an einer durch das Bild schwebenden und blickkontaktierenden, weiblichen Person. Und das, obschon das GT Modell auch recht attraktiv ist. Was sagt uns das? Erstens, dass Männer keine Maschinen, sondern Wesen mit einer natürlichen Vorliebe für Geschöpfe weiblichen Geschlechtes sind, und zweitens, dass es immer noch Werber gibt, die Autos (und sogar Autozeitungen) werbemässig offenbar nicht ohne Frauen darstellen können. Sexistisch ist das zwar kaum, aber doch irgendwie überflüssig.

Maurice Motz

 

01.06.2005

Kasperlitheater

 Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes hat viel Gutes gebracht: Tiefere Preise, eine eigentliche Innovationsflut und eine dadurch angeregte Werbetätigkeit, die sich vor allem zugunsten der in letzter Zeit doch erheblich gebeutelten Medien ausgewirkt hat. Leider hält die quantitative Zunahme des Werbevolumens nicht Schritt mit der Qualität der Inhalte. Ein leuchtendes Beispiel für diese Feststellung ist der TV-Spot, den ich in den letzten Wochen mehrfach habe über mich ergehen lassen müssen, und dessen Aussage mir nach wie vor schleierhaft ist. Da verbreitet ein von einem «menschlichen Kasperli» bewegter böser Holzkasperli Phrasen über den Bildschirm, um gleich anschliessend von einem zweiten, guten Holzkasperli zurecht gewiesen und geprügelt zu werden. Vermutlich geht es um Preise, denn die scheinen inzwischen die einzigen Argumente im Krieg der Telekommunikation zu sein. Vielleicht gehts auch um etwas anderes, verstanden habe ich das unsinnige und aggressive Geschwafel nicht. Hab auch gar nicht zugehört, weil ich als längst den Kinderschuhen Entwachsener nicht mehr zur Zielgruppe der Kasperlikonsumenten gehöre. Wer bitte wird hier angesprochen? Die Kids? Die haben doch im Zeitalter von Star Wars längst andere Idole als Kasperlis. SVP-Parteigänger? Die hacken zwar gerne auf anderen herum, haben aber im Moment kaum Zeit für TV, weil sie anti-Schengen-Plakate entwerfen müssen. So oder so: Der Spot bewirkt bei mir eine Sehverweigerung und die Entscheidung, beim bisherigen Anbieter zu bleiben. Ich mag solches Kasperlitheater nicht.

Maurice Motz

 

01.03.2005

Bissig wie Piranhas


Das muss man ihnen lassen: Sie haben fundamentalistische Ausdauer. Es ist über 25 Jahre her, da erkundigte sich eine frühlingshafte, junge Dame leicht indiskret aber charmant, ob ich zufrieden sei mit meinem Leben. Wer ist das schon zu 100% und könnte zudem einem derart vielversprechenden Geschöpf widerstehen? Kurz: Ich liess mich in ein Gespräch ein und merkte zu spät, dass es sich zwar um eine zauberhafte Vertreterin ihres Geschlechtes aber leider auch eine Botschafterin der Scientologen handelte. Das fahrlässigerweise bestellte Buch «Dianetik» entsorgte ich flugs im Abfall und hoffte damit auch, den klebrigen Fängen der Sekte zu entrinnen. Mitnichten. Während Jahren drangsalierte man mich mit bittersüssen Briefen, die mich immer wieder daran erinnerten, dass ich es so viel besser haben könnte, wenn ich bloss auf sie hören würde. Dann gabs eine lange Pause, und ich war überzeugt, die unseligen Geister hätten sich endlich ins Pfefferland verkrochen, doch ein Schreiben belehrte mich dieser Tage eines Besseren. «Was haben wir Ihnen angetan, dass Sie nicht daran glauben, dass wir Ihnen helfen können, die Zustände im Leben zu verbessern?» sülzte dieser Tage eines dieser verlorenen Wesen. Und ein Prospekt gaukelte für Fr. 532.– Glückseligkeit, Energie, Lebenskraft und andere erfreuliche Zustände vor. Und das nach mehr als einem Vierteljahrhundert schnöder Absagen. Wahrlich, die sind bissig wie Piranhas. Für einmal müssen die flotten Zubeisserchen aber mit einer Tomate vorlieb nehmen.

Maurice Motz

 

01.02.2005

Zweifelhafter Rückschluss


Irgend jemand hat damit angefangen: Um die besonderen Vorzüge einer Dienstleistung oder eines Produktes zu unterstreichen, wird in der Werbung immer wieder darauf hingewiesen, dass man sich bloss richtig entscheiden müsse und schon sei man alle Sorgen los. Das gilt für Versicherungen ebenso wie für Bankgeschäfte oder Festnetzanschlüsse. Zugegeben, die Argumentation ist naheliegend. Leider ist sie aber so naheliegend, dass sie eigentlich jedem in den Sinn kommt, der mehr als drei graue Zellen sein Eigen nennt. Hat man sich dann einmal für diese Argumentation entschieden, bleibt den Konzeptern nur noch die Freiheit, mehr oder weniger kreativ Beschäftigungen zu orten, welche man sich infolge zeitlicher Entlastung durch die Buchung des «richtigen Angebotes» leisten kann. Die meisten entscheiden sich für mehr Freizeit. In diesem Fall ist man einen Schritt weiter gegangen und hat eine qualifizierte Tätigkeit zu Zweit gewählt, während welcher man freilich in aller Regel nicht besonders intensiv über den Abschluss einer Versicherung nachdenkt. Zumindest zu meiner Zeit war das so. Daraus den Rückschluss zu ziehen, dass diese beiden jungen Leute ohne Versicherungsschutz die kosende Betätigung unterlassen würden, scheint mir deshalb wenig überzeugend. Umgekehrt kann ich mir auch nicht recht vorstellen, dass alle, die in inniger Umarmung sich sinnlichen Freuden hingeben, bei der Winterthur versichert sind. Zwischengeschlechtliche Aktivitäten gab es bekanntlich bereits ein paar Jahre vor der ersten Versicherung.

Maurice Motz

 

02.01.2005

Erste Warnung

Audi Erste Warnung

Genau so eine Anzeige war es, welche in Belgien die Verfechter von Werbeverboten auf den Plan gerufen hat: Ein schnittiger Offroader holperte durch ein kleines Bächlein, die Headline hiess: «Wir bremsen auch für Fische». Zauberhafte Idee für ein überzeugendes Inserat. Doch die belgischen Werbemuffel intervenierten und die Anzeige wurde vom Hersteller zurückgezogen. Begründung: Das Inserat könnte Leute dazu animieren, mit ihrem Geländegänger die Natur zu verschandeln! Soweit sind wir also schon. Werbung wird von gewissen Kreisen für Alles und Jedes verantwortlich gemacht. Werber als machtvolle, bösartige Verführer. Bei uns ist es Gottseidank noch nicht so weit, Anzeigen wie diese könnten aber früher oder später auch bei uns Werbenihilisten auf den Plan rufen, bereits wird in der Romandie nach einer Ethikkommission gerufen, welche Auto- und andere Werbung auf deren Inhalt überprüfen soll. Natürlich könnte man auch in dieser an sich feinen Audi-Werbung solche Ansätze zu umweltzerstörerischem Tun entdecken. Und es wird wohl nicht mehr lange gehen, bis solche Inserate auch bei uns in Frage gestellt werden. Darum: Seid auf der Hut, werte Werber, vielleicht findet ihr ja noch bessere Ideen, um Offroader in ihrem Element darzustellen. Insofern ist dies ja auch keine richtige Tomate, sondern lediglich ein kleines (warnendes) Tomätchen. Und ein Hinweis darauf, was da noch auf uns zukommt.

Maurice Motz

 

02.12.2004

Falscher Vogel

Liquid Falscher Vogel

Draussen sind es genau zwei Grad und ich hab beim Warten aufs Tram jämmerlich ans Gerüst gefroren. Infolge winterlicher Verhältnisse war mir alles andere als ums Schwitzen und durstmässig sehnte ich mich nach einem heissen Kaffe oder einem dampfenden Tee oder gar Punsch. Und just vis-a-vis der Tramhaltestelle hält sich auf einem Plakat eine sichtlich erhitzte junge Frau einen Pinguin an die Stirn. Sie tut dies, wie man dem erhellenden Text entnehmen kann, um sich zu erfrischen. Welch tierische Idee. Man weiss zwar, dass diese Art Vogel in noch kälteren Gegenden als den unseren herum zu watscheln pflegen, wer in Zoologie aber keinen Säulenplatz hatte, weiss auch, dass die gefiederten Freunde extrem stark isoliert sind, um sich gegen die klirrende Umgebung zu schützen. Ein Pinguin mag zwar arktische Assoziationen erwecken, kühlen, wie im Inserat vorgegaukelt, tut er keinesfalls. Das hat uns auch der Zürcher Zoodirektor auf Anfrage bestätigt. Alex Rübel hat gar mit der Aussage verblüfft, dass Pinguine früher von Forschern in der Arktis als Brennstoff verwendet worden sind. Da stark fetthaltig und dick gepolstert, schob man die Biester wie Briketts in den Ofen! Die Idee mit der Kühlung mag also nett gedacht aber leider wärme- respektive kältetechnisch total missglückt sein. Und für einmal sind die Pinguine falsche Vögel.

Maurice Motz

 

02.11.2004

Ein Fisch für Fleischwerbung

Schweizer Fleisch - Fisch

In irgend einer Werbeagentur dürfte im Moment dicke Luft herrschen. Da hat vermutlich jemand einen dicken Fisch gefasst. Vielleicht hat sich der oder die GrafikerIn als Vegetarier geoutet, denn dieses Inserat wirkt auf mich wie der Protest eines Fleischverächters. Oder verstehen Sie, worum es hier geht? Eine Gruppe von Jugendlichen lümmelt in einem Hof herum. Die einen essen, andere trinken oder sitzen einfach so rum und sind jung. Ein Schnappschuss aus einer Schulpause vielleicht. Und darunter wird für Schweizer Fleisch geworben, welches ehrlich und natürlich sei. Ich habs kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen und versuchte, eine Erklärung für das kommunikative Rätsel zu finden. Im schlimmsten Fall hat da jemand einen Bezug zwischen jungem Fleisch und Fleisch als Nahrungsmittel herstellen wollen. Oder verfügt da jemand gar über eine kannibalische Ader? Das wäre dann keine Tomate, sondern schon eher eine ganze Tomatenladung, die hier kredenzt würde. Respektive eine Klage ans Amt für Menschenrechte. Mangels Vorstellungskraft für weitere Erklärungen lässt sich die Sache allenfalls noch mit dem trivialen Umstand erklären, dass da ein Desktopper oder dessen weibliche Version fahrlässigerweise oder vorsätzlich den erklärenden Text vergessen hat. Und wenn dem so ist: Sie oben.

Maurice Motz

 

30.09.2004

Rätselhaftes Nichts

Strenesse - rätselhaftes Nichts

Die Marketingfritzen wissen ja einiges. Oder tun wenigstens so. Ständig liegen sie uns in den Ohren mit der Festlegung, dass eines der Probleme der heutigen Zeit, Letztere selbst ist. Will heissen: Niemand hat mehr Zeit, den gigantischen Informationsfluss zu verarbeiten, der auf uns einstürzt. Nun hat sich selbiger im Bereich der Inserate nicht eben als bedrohlich erwiesen, wenn man den entsprechenden Statistiken glauben will. Dennoch dürfte die Zeitknappheit generell als erwiesen betrachtet werden. Und dann kommt so eine rätselhafte Anzeige daher. Mit dem traurig dreinblickenden Boris Becker im Vordergrund und weit hinten, wie ein verschupftes Hascheli die ja nicht eben unbekannte Claudia Schiffer. Gut, vielleicht ist sie es auch gar nicht, aber da man auch sonst nicht so genau weiss, worum es hier geht, spielt das auch keine Rolle. Da prangt zwar ein Firmenname, aber der sagt mir jetzt gerade nichts. Vermutlich hat das Ex-Tennis-As eine Modelinie lanciert. Vielleicht ist «Bobbele» aber bloss Model für die Linie mit den zu langen Hosen. Schuhe gibt es in der Kollektion offenbar keine, und auch bei näherer Betrachtung, ja eingehendem Studium der Anzeige lässt sich ausser einer URL kein Indiz über den Verursacher des Produktes finden. Geschweige denn eine ganz normale Adresse, wo man das Ding käuflich erwerben könnte. Angesichts der oben erwähnten Zeitknappheit muss man also schon ein ausgesprochener Mode-Tifoso sein, wenn man sich da informationsmässig tiefer reinknien will. Alle anderen blättern die rätselhafte Anzeige schlicht um. Das zumindest behaupten die Marketingfritzen. Und die wissen ja einiges.

Maurice Motz

 

31.08.2004

Fliegende Handys

Ich gebe zu, ich hab mich schwer getan diesen Monat mit der Evaluation einer Tomate. Nicht weil es qualitativ keine gegeben hätte, das Problem war vielmehr quantitativer Art: Es gab ausser Aktions-Inseraten aller Grossverteiler eigentlich kaum kommerzielle Anzeigen. Der Monat August respektive dessen Inserate dürften als «Aktionitis-Monat» in die Annalen eingehen. Ein paar wenige Kommerz-Inserate gab es gleichwohl, auch wenn die von der Aussage her ziemlich das Gegenteil der Preis-Rabatt-Sujets darstellten: Viel Image, wenig Handgreifliches. Das beigefügte hat mich jedenfalls ziemlich ratlos gelassen. «Siemens ist on» lautet der Titel der Anzeige, und man sieht vier handliche Geräte wie UFO‘s durch die Luft schweben, die sich bei näherer Betrachtung als Handys identifizieren lassen. Aha, eine neue Generation dieser Apparate, die heute bereits im Kindergarten unentbehrlich sind. Kein Wort aber über neue Services oder innovative Errungenschaften, es geht vielmehr darum, dass Siemens dank Kooperation mit IBM die Logistik verbessert hat. Das ist ja lobenswert, aber was nützt das dem Konsumenten? «Die neuesten Handys landen schneller beim Kunden» heisst die Antwort, welche eigentlich gar keine ist, denn warum soll ich so ein Ding käuflich erstehen, wenn man mir als einzigen Vorteil eine optimierte Logistik unter die Nase reibt? Vielleicht wüsste ich noch gerne, was das Ding kann. Und was es kostet. Fast bin ich geneigt, Aktionsinserate lobend zu erwähnen. Aber nur fast.

Maurice Motz

 

02.08.2004

Falsches Timing

Peugeot - Falsches Timing

Heute sind alle Autos gut. Sie sind technisch ausgefeilt, sehen gut aus und leisten, was sie zu leisten haben. Es müsste also eigentlich einfach sein, sie zu verkaufen, denn das Produkt stimmt. Doch gerade weil sie alle gut sind, müssen sich die Werber immer wieder neue Ideen einfallen lassen, wie sie im Markt auffallen und wie sie sich von der Konkurrenz abheben können. Das gelingt manchmal besser, manchmal weniger gut. Und manchmal erwischen die Kreativen einen ungünstigen Zeitpunkt für ihre Kampagne. Das ist natürlich Pech und hat nicht wirklich etwas mit Unsensibilität oder Unvermögen zu tun. Dennoch ist unsere heutige Kampagne tomatenwürdig. Denn sie fällt just in eine Zeit, in der in allen Medien über das bedrohliche Thema «Werbung an Minderjährige» diskutiert wird. Die gleichen Kreise, die Werbeverbote für sinnvolle Strategien im Kampf gegen den Missbrauch von Sucht- und anderen Mitteln halten, wollen bekanntlich auch Jugendliche vor dem ach so bösen Einfluss der Werbung verschonen. Und ausgerechnet jetzt kommt dieses Inserat, in welchem Teddybären und Kinder dominieren. Im Kanton Genf, wo ja demnächst eine Ethik-Kommission über den Inhalt von Kampagnen befinden soll, würde die Anzeige jedenfalls tomatenrote Köpfe auslösen. Selbst wenn mir die Idee an sich gut gefällt, halte ich den Zeitpunkt der Publikation für wenig glücklich.

Maurice Motz

 

30.06.2004

Weissheit nicht Weisheit

Omo - Weissheit

Man muss nicht besonders kritisch sein, wenn man Waschmittelwerbung satirisch aufs Korn nehmen will. Im Prinzip ist diese Art der Reklame an sich schon Realsatire. Man weiss, was man hat, wenn man weisse Riesen, porentiefe Aktivkügelchen und anderen Marketing-Stuss genauer analysiert: Der Markterfolg gibt den Erfindern Recht. Leider. Mitunter sind sich die Werber freilich zu schön, um einfach Platituden wie «wäscht weisser» in die bunte Werbewelt zu setzen und versuchen anspruchsvoll zu sein. Im Moment läuft ein TV-Spot, der eine ganz andere, nämlich eine geisteswissenschaftliche Botschaft aufweist. Die Kommunikatoren haben ganz tief in die Trickkiste der Philosophie gegriffen und gewissermassen anthropologische Erkenntnisse als Grundlage ihrer Kampagne gewählt. «Flecken machen Menschen» heisst ihre ebenso unergründliche wie gewagte These. Ob es sich dabei um eine legasthenische Satzkonfusion handelt (sollte es nicht eher heissen: «Menschen machen Flecken?») oder ob die den Unsinn wirklich glauben, den sie da in die Stuben flimmern lassen, bleibe dahin gestellt. Ich meine bloss, man sollte Werbung tonalitätsmässig dem nachempfinden was ihre Aufgabe ist: informieren und verkaufen. Intellektuelle Auseinandersetzung mit Geisteswissenschaften gehört definitiv nicht dazu. Schon gar nicht, wenn es um Waschmittel geht. Da geht es bekanntlich um Weissheit, nicht um Weisheit.

Maurice Motz

 

02.06.2004

Verachtung pur

Verachtung pur

Es gibt Werbeideen, die durch ebenso aktuelle wie unglückliche Umstände plötzlich ihre Unschuld verlieren. So ist es einem TV-Spot für ein elegantes Auto der Marke Opel ergangen, welcher in einem Gefängnis spielt. Abgesehen davon, dass es nicht besonders sensibel ist, Insassen eines solchen Etablissementes zu Werbe-Protagonisten zu pervertieren, verrät die Handlung wenig Fingerspitzengefühl der Kreativen. Wenn ich die leicht konfuse Geschichte richtig interpretiere, dann zeigt ein Gefängnisangestellter einer höheren Charge einem langjährig Einsitzenden das neue Modell von Opel und hält ihm triumphierend einen Zündungsschlüssel hin. Als sich der Gefangene hoffnungsfroh nähert, wirft er den Schlüssel weg und demonstriert so, dass es sich bloss um eine Finte handelt. Und erst noch keine besonders amüsante. Körpersprachlich geknickt, realisiert der Gefangene, dass er das feine Gefährt nie wird fahren können. Abgesehen davon, dass diese Handlung erhebliche Verachtung ausdrückt, ist sie durch die grässlichen Ereignisse in Iraks Gefängnissen noch fragwürdiger geworden. Dafür können die Werber zwar nichts, eine Tomate hätte der Spot aber auch ohne die Enthüllungen im Abu Ghraib verdient.

Maurice Motz

 

03.05.2004

Symbolhaft daneben

Symbohaft

Das Steuerpaket ist eine echte Bescherung. Leute, die sich engagiert und tiefgründig mit dem netzartigen Gebilde dieses siebensiegligen Werkes auseinander setzen, erleben ein echtes Wechselbad der Empfindungen und Überzeugungen. Kaum hat man geglaubt, irgend etwas verstanden zu haben, kommt wieder ein neuer Gesichtspunkt, und man beginnt erneut zu schwanken. Eines der Argumente, welches den Bürgerinnen und Bürgern die Vorlage beliebt machen soll, ist dasjenige des Eigenheimes. Wer möchte nicht irgendwann in seinem Leben in einem Häuschen mit Gärtchen und Autoabstellplatz wohnen? Kein Wunder also, haben die Befürworter der Vorlage diesen Traum aller Träume in ihrer Kampagne bildhaft und symbolträchtig dargestellt. Zwecks Umsetzung des Anliegens haben sie deshalb Leute ins Bild gesetzt, die sich masslos über ein solches Eigenheim freuen. Besonders auffallend ist ein adretter Herr mit Wohlstandsbäuchlein, den es vor lauter Genugtuung über die (nach der Abstimmung vielleicht erwerbbaren) vier Wände fast vom Stuhl haut. Mit seiner nicht gerade geschmacksneutralen Fliege und dem leicht aufdringlichen Outfit erinnert der Putzmuntere allerdings eher an einen erfolgreichen Auto- oder Inserateverkäufer. Der Betrachter jedenfalls kann sich nicht so recht vorstellen, dass das nun ein typischer Vertreter jener Volksschicht ist, welchem die Vorlage den Haustraum erfüllen soll. Ich wette jedenfalls, dass der Typ längst eine tolle Bleibe besitzt und sich höchstens noch darüber ergötzt, dass er vielleicht bald weniger Steuern zahlen muss.

Maurice Motz


 

05.04.2004

Verschlüsselte Botschaft

Schluesselbotschaft

Vielleicht bin ich begriffstutzig, aber das breitgewachsene Plakat, das ich kürzlich auf dem Heimweg entdeckte, hinterliess bei mir lauter Fragezeichen. Da grinst ein junger Mann sorglos in die Linse, freut sich zähnefletschend und daumenerigierend über ... ja worüber denn? Der Absender fordert den Betrachter auf, das Traumhobby zu gewinnen und bietet dafür 30\'000 Franken an. Alles auf englisch, wie das heute üblich ist. Das klingt internationaler, ist cooler und verströmt den Duft der grossen weiten Welt. Auch wenn es eine andere Zigarette ist. Habe dann auf dem Plakat herum geforscht, was denn das jetzt soll, fand aber keinen Hinweis auf ein Rätsel oder einen Wettbewerb und nicht einmal auf eine Homepage, die mir hätte weiterhelfen können. Und das im Jahre 2004, wo doch die Internet-Adresse schon fast wichtiger ist als die Message. Ich stand also ratlos vor dem Plakat, schüttelte innerlich den Kopf und konstatierte, dass ich offensichtlich nicht mehr in der Lage bin, moderne Botschaften zu entschlüsseln. So ging ich denn weiter, so schlau als wie zuvor, und beschloss, mich mit einer Tomate für die sinnlos verschwendete Zeit zu rächen. PS: Die nehm ich natürlich zurück, wenn mir jemand den hintergründigen Sinn der Affiche erklären kann.

Maurice Motz


01.03.2004

Fersengeld

Fersengeld

Hand aufs Herz, liebe Tomaten-Leserinnen und -Leser, was sehen Sie auf diesem seltsam fotografierten Inserat? Einen Fliegenpilz? Ein exotische Frucht? Einen winterfesten Mokassin der Sioux-Indianer? Oder einen noppenbewachsenen Kinderfinken? Ich habs mir lange überlegt, was das sein könnte. Und dank der aufklärenden Textzeile «Sicher im Leben», glaubte ich der Sache auf die Spur gekommen zu sein. Früchte fallen in diesem Zusammenhang wohl weg und vermutlich auch die Indianer, es bleiben also die Noppen. Diese Dinger haben ja die Eigenschaft, den Träger derselben in der Fortbewegung zu stabilisieren, gewissermassen Gleitschutz zu gewähren und Standfestigkeit. OK, das macht Sinn, und auch die merkwürdige optische Umsetzung mit dem geknickten Kinderfuss mag dann zumindest teilweise zu überzeugen, immerhin neigen Kinder in den ersten Jahren ihres Daseins dazu, das motorische Gleichgewicht zu verlieren. Aha, hier geht es also um Versicherungswerbung. Eine Assekuranz verspricht Sicherheit im Leben. Dachte ich. Aber weit gefehlt: Die Anzeige wirbt für ein Automobil, und erst noch für ein sehr populäres, volkstümliches. Es mag ja sein, dass es unterschiedliche Sicherheitsquotienten gibt bei den Autos, nur, warum jetzt eine benoppte Fusssohle dieses neue Fahrzeug sicherer machen soll, bleibt mir schleierhaft. Es geht ja nicht um Pneus, sondern um den Träger derselben. Sinnbilder in der Werbung sind zwar beliebt und auch hilfreich, in diesem Fall klafft aber zwischen Illustration und Aussage eine dunkle Lücke. Oder hab ich da etwas völlig falsch verstanden?

Maurice Motz

 

02.02.2004

Krass einfältig

Krass einfaeltig

Da ist mir kürzlich diese Karte in den Briefkasten geflattert. Was sie eigentlich gar nicht dürfte, da an der Haustüre ein entsprechender Kleber mich vor unadressierter Flatterpost schützen sollte. Ich war also bereits sauer. Da das Mail aber schon da war, schaute ich mir es einmal etwas genauer an, was angesichts der reizvollen Schönheiten, die es zieren, nicht einmal so viel Überwindung brauchte. Ausserdem handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem man etwas gewinnen kann. 24 Flaschen Champagner etwa oder einen freien Eintritt zu einer Veranstaltung, an welcher abgelichtete Damen als Models auftreten. Um in den Genuss eines der Preise zu kommen, hatte man allerdings die knifflige Frage zu beantworten, aus welcher Weinanbauregion Frankreichs der Champagner stammt. Nun muss man ja kein ausgeprägter Weinkenner zu sein, um dieser Antwort relativ schnell auf die Spur zu kommen. Aber selbst von diesem bescheidenen Wissen gehen die Versender der Karte nicht aus: Sie haben eine Buchstabenreihe abgebildet, in die man wie in einem Kreuzworträtsel die fehlenden Vokale und Konsonanten ergänzen muss. Damit es nicht zu schwierig wird, sind die gesuchten Buchstaben aufgeführt und die Zahlenreihe beginnt exemplarisch mit einem C und der fünfte Buchstabe ist ein P. Die intellektuelle Herausforderung darf also ohne Übertreibung als reichlich beschränkt bezeichnet werden, und sie wäre selbst für den Polizisten in der Radiokrimiserie Maloney eine Zumutung. Da ich meinen IQ als mit dem Vertreter der Hermandat mindestens ebenbürtig einschätze, fühle ich mich als Empfänger beleidigt und erteile der einfältigen Werbung eine Tomate.

Maurice Motz


02.01.2004

Das Huhn-Schwein

Huhn-Schweiz Frifag

Im Bereich der Werbung kann man ja nicht à priori gegen kreative Einfälle sein. Auch Wortspielereien sind durchaus erlaubt sowie muntere Ideen. Das gilt natürlich auch für Sponsoren. In diesem konkreten Fall allerdings scheint mir die Fantasie der KommunikatorInnen doch etwas gar stark ausgeufert zu sein. Die beste OL-Läuferin der Welt, Simone Niggli-Luder, musste sich da auf einen doch etwas gar abstrusen Einfall einlassen: Soeben zur Schweizer Sportlerin des Jahres erkoren, gratuliert ihr ein gezeichnetes Huhn zum Gewinn der Auszeichnung mit der an den Haaren herbeigezogenen Beglückwünschungsformel «Huhn gehabt - Simone». Soweit mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, stammt der Spruch ja aus einer anderen Ecke eines landwirtschaftlichen Betriebes und wird im Allgemeinen mit den rosaroten Vertretern der Rasse Schwein in Verbindung gebracht. Der Umstand, dass Simone die begehrte Trophäe gewonnen hat, ist aber eindeutig auf ihr ausserordentliches Können und kaum auf den Umstand zurück zu führen, dass sie bei der Weltmeisterschaft Schwein gehabt hat. Und schon gar nicht Huhn. Mit anderen Worten: Die gut gemeinte Gratulations-Anzeige von Sponsor Frifrag (offenbar ein Hersteller überaus glücklicher Schweizer Poulets) muss unter «Pech gehabt» abgebucht werden und erhält die Tomate des Monats.

Maurice Motz


01.12.2003

Etwas voreilig

Lufthansa - voreilig

Ich denke, es ist legitim, als einer der wenigen noch vorhandenen Anhänger unserer nationalen Luftfahrtgesellschaft die Konkurrenz mit Argusaugen zu beobachten. Zumindest deren Werbung. Und da bin ich auf dieses Inserat gestossen, das nun wirklich am Rande der Lauterkeit sich zu bewegen scheint. Man sieht einen Mann, der friedlich schläft. Und zwar in einem veritablen Fünfsternehotel-Bett. Es sei das längste seiner Klasse wird behauptet. Kann ja sein. Und ich mag es ja auch allen gönnen, welche in luftiger Höhe statt eingeklemmt mit angezogenen Knien bequem und ausgestreckt fliegen können, aber das überaus düstere Inserat, auf welchem man kaum etwas erkennen kann, wirbt etwas vollmundig und vor allem voreilig, meine ich, denn im Kleingedruckten steht, dass erst ab Dezember 2003 solche Prachtseinrichtungen instaliiert werden sollen. Und es wird voraussichtlich bis Frühjahr 2006 gehen, bis dannzumal die gesamte Flotte damit ausgestattet ist. Es kann also durchaus passieren, dass man angesichts des Inserates sich spontan für einen Flug mit Lufthansa entschliesst, um langgestreckt träumen zu können, und an Bord erfährt man dann, dass dieser Apparat erst in einem oder zwei Jahren mit den bequemen Liegegeräten ausgestattet sein wird. Und die Rechtsabteilung muss dann ausbügeln, was ihnen die Werbeabteilung eingebrockt hat. Deshalb: Tomate.

Maurice Motz

 

03.11.2003

Läppische Aufforderung

Lancia - Laeppische Aufforderung

Es gibt offenbar Dinge, die sind nicht tot zu kriegen. Dazu gehört das Ablagern von Müll vor benachbarten Häusern oder das Aufschliessen auf Kreuzungen im Stossverkehr. Obschon eigentlich bekannt ist, dass weder das eine noch das andere erlaubt und erwünscht ist, wird es von gewissen Leuten regelmässig zum Ärger anderer praktiziert. In dasselbe Kapitel gehört sexistische Werbung. Es dürfte inzwischen allen, die sich mit Kommunikation im Allgemeinen und Werbung im Speziellen befassen, bekannt sein, dass es nicht statthaft ist, besonders attraktive Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes als Blickfang für ein Konsumprodukt einzusetzen.

Seit Jahren versucht die Lauterkeitskommission solchen Unsinn zu stoppen. Offensichtlich ohne Erfolg: Unsere Anzeige manifestiert dieses einfältige Vorgehen in krasser Weise. Und hier wird es gar textlich untermalt: «Du siehst etwas, das dir gefällt» heisst der erste Schritt «Du nimmst es dir» lautet der zweite. Und natürlich assoziiert «mann» mit dieser Aufforderung nicht das klein abgebildete Auto, sondern die sinnlich dreinblickende Schönheit. Man sagt ja, Männer hätten nur das eine im Kopf – offensichtlich gibt es solche, denen ist dadurch die Eigenschaft zu denken schlicht abhanden gekommen.

Maurice Motz


06.10.2003

Zum Weinen

Bernhard Theater - Zum Weinen

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Selten hat das Sprichwort so auf eine Kampagne zugetroffen, wie bei der Werbung für das Bernhardtheater in Zürich, welches als Humor-Tempel eine lange Tradition hat. Seit Jahrzehnten werden hier Lustspiele, Komödien und Schwanks, Musical sowie andere Darbietungen der leichten Muse aufgeführt, und tatsächlich haben die Mauern dieses Etablissements an einem Abend mehr Lacher vernommen als diejenigen des benachbarten Opernhauses Zeit seines Bestehens. Doch angesichts der neuen Werbekampagne für das Komiktheater kann einem das Lachen vergehen. Dabei wollten die Kreateure genau das Gegenteil: «Tun Sie mehr für Ihre Lachmuskeln» fordern die Werber die irritierten Passanten auf, und sie illustrieren das mit zwei abscheulich hängenden Truthahnwangen, welche eher zum Weinen, als zum Lachen animieren. An der Idee ist zwar durchaus etwas dran, aber die Umsetzung ist mehr als unappetitlich und möglicherweise gar kontraproduktiv: Bereits haben sich Leute dahingehend geäussert, auf Grund der Werbung einen grossen Bogen um das Theater zu machen. So weit wollen wir freilich nicht gehen. Wir empfehlen höchstens, einen Bogen um die Erfinder der Anzeige zu schlagen.

Maurice Motz

 


01.09.2003

Allzu bissig

Peugeot - Allzu bissig

Was stellen Sie sich vor, wenn Sie von «Mähne», «Reisszähnen» und «Tatzen» lesen? Richtig, ein löwenartiges Raubtier. Ein kraftstrotzendes, gefährliches Biest, das nur darauf wartet, sich auf seine Beute zu stürzen. Und auch wenn ein Dompteur im Spiel ist, klingt die Beschreibung wenig vertrauenerweckend. Kommt dazu, dass die Aufnahme aus der Froschperspektive tatsächlich recht beängstigend wirkt. Wer in der Automobil-Werbung den Vergleich mit rassigen Raubkatzen wagt, hat wohl noch nichts davon gehört, dass gewisse Beamte in Brüssel Anzeigen für schnelle Autos längst auf die Fahndungsliste gesetzt haben. «Autos», so argumentieren sie, «sind gefährliche Geräte, die mit dem Tod von tausenden von Menschen im Zusammenhang stehen.» Aus diesem Grund wollen sie die Werbung inhaltlich überprüfen und allzu forsche Aussagen moderieren oder gar verbieten. Alles, was irgendwie das Matcho-Gehabe anspricht oder sonstwie über sachliche Information hinaus geht, soll in Zukunft nicht mehr erlaubt sein. Und vor allem soll die Sicherheit und nicht die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs im Vordergrund stehen. Inserate wie dieses fordern den Übereifer der Beamten förmlich heraus. Auch wenn die Idee kreativ sein mag, im Moment ist solche Werbung nicht eben opportun. Man kann nur hoffen, dass sie nicht auch in Brüssel zu sehen ist.

Maurice Motz

 


04.08.2003

Verpackung ist nichts

Verpackung ist nichts

Abgesehen davon, dass das fotografisch inszenierte Bild reichlich aufdringlich ist, kann ich auch sonst nicht viel Überzeugendes an der Anzeige feststellen. «Verpackung ist alles», schreiben die munteren Werber auf den sündroten Slip, der die Männlichkeit eines jungen Zeitgenossen mehr schamlos als schamvoll verhüllt. Und dann erklären sie, ohne rot zu werden: «Packungsdesign soll nichts anderes als das Werbeversprechen einlösen.» Mit Verlaub, ich dachte immer, die Werbung betreffe den Inhalt einer Verpackung und nicht diese selbst. Insofern habe ich Mühe, den Slogan nachzuvollziehen, denn gerade Verpackungen werden häufig zweckentfremdet, um einen Inhalt wesentlicher, wertvoller (oder grösser) erscheinen zu lassen als er wirklich ist. Nicht umsonst spricht der Volksmund ja von Mogelpackungen. Mit anderen Worten, die Verpackung gibt etwas vor, was in Tat und Wahrheit gar nicht existiert. Oder zumindest nicht in der vorgegaukelten Form. Insofern ist das gewählte Objekt, welches die Werber in schon fast unzüchtiger Weise gewählt haben, eigentlich relativ heikel. Denn auch wenn die Frage nach der Bedeutung der Dimension des Inhaltes eines Slips noch nie schlüssig beantwortet worden und häufig widersprüchlich ist: Mit der Verpackung allein ist es hier nicht getan. Im Gegenteil: Die Sache wird erst spannend, wenn die Verpackung fällt.

Maurice Motz

 

30.06.2003

BAG-Kampagne gegen das Rauchen

BAG Nichtrauchen

Sie ist durchaus ästhetisch fotografiert, die Kampagne des BAG, welche Raucher von ihrem Laster abbringen soll. Und die Aussage «Ich inhaliere jeden Tag Blei» hat etwas Beängstigendes. Bloss: Blei inhalieren tun Nichtraucher auch, immerhin enthält unsere Luft immer noch ordentliche Mengen des Schwermetalls. Und eine ganze Menge anderer Schadstoffe dazu. Dass Rauchen ungesund ist, weiss inzwischen jedes Kind. Dennoch will es, kaum kann es richtig gehen, bereits einen Glimmstengel zwischen die Lippen schieben. Motiviert durch Gleichaltrige, durch die Familie und durch anderen sozialen Druck. Die Angstmacherei ist demnach ziemlich verfehlt. Kommt dazu, dass moralisierende Kampagnen häufig das Gegenteil von dem auslösen, was sie tun sollten. Und im Prinzip tut das Plakat nichts anderes, als das kommunizieren, was auch auf der Werbung für Tabakprodukte steht:«Rauchen schadet ihrer Gesundheit.» Nur sind die Bildchen, die für Zigaretten werben, etwas gefälliger, lebensfroher und nicht so düster wie die BAG-Sujets, die dergestalt instinktiv zum Wegschauen animieren, sodass der Raucher und die Raucherin die Botschaft glatt verpasst. Gott sei Dank steht der Spruch auch noch auf dem Zigaretten-Päckli. Dort verpassen ihn die Paffer bestimmt nicht.

Maurice Motz

 

02.06.2003

Blonde Mähne

HP - Blonde Maehne

Den Werbern muss man es nicht klar machen denn sie wissen es, nehmen es gewissermassen mit der Agenturmilch auf: Der Konsument ist gehetzt, hat keine Zeit, sich mit einer Anzeige lange auseinanderzusetzen. Der erste Eindruck muss also haften, muss fesseln und vor allem in die richtige Richtung konditionieren. Die optische Anmutung einer kreativen Arbeit muss mich umgehend in die Welt des Produktes versetzen, und wenn ich an einem solchen interessiert bin, verharre ich auf der Seite. Ich lese vielleicht weiter und finde gar den USP des Produktes. Und was ist die Anmutung unserer Anzeige? Ich sehe blonde Locken mit ein paar rötlichen Mèches vorbeiflitzen und eine Kaffeemaschine. Oder so etwas Ähnliches. Erst das Logo der durchaus bekannten Firma zwingt mich zurückzublättern. Und siehe da, es geht weder um Blondinen noch um Kaffeemaschinen sondern um Farbdrucker. Schnell sollen die sein und unglaublich farbecht. Mag sein, bloss für mich als Laien besteht die Farbskala nicht bloss aus gelb und rot, da fehlen mir vor allem blau, grün und deren Derivate. Okay, vielleicht ist es trivial, einen Regenbogen als Symbol für Farbenvielfalt zu strapazieren, blonde Locken mit roten Mèches tuns aber sicher auch nicht. Oder bin ich vielleicht farbenblind?

Maurice Motz


09.05.2003

Originell aber unfunktionell

Hülsta - Unfunktionell

Ich muss zugeben, ich fühle mich nicht aktivlegitimiert für die Beurteilung dieser Anzeige. Als kinderloser Endfünfziger fehlt mir das nötige Verständnis für die real existierende Situation auf diesem idyllischen Familienbild. Das heisst freilich nicht, dass ich die Mängel der Werbung nicht verstehen würde, wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, der oder die genau in selbiger Lebenslage steckt wie der junge Mann am Familientisch. Und die Informantin weiss, wovon sie spricht: Jeder und jede, der oder die ein kleines Kind sein eigen nennt und dieses zwecks gesunder Entwicklung mit dazu geeignetem Gerät ernährt, wird bestätigen können, dass dieser Fütterungsvorgang von etlichen kollateralen Immissionen begleitet wird, indem der Grossteil der für die Aufnahme geplanten Nahrung physikalischem Gesetz gehorchend auf dem Boden landet und sich daselbst innig mit dem Teppich-Gewebe vereint. Wer im Besitz derartiger Erfahrungen ist, wird – so behauptet meine Informantin – niemals einen derart flauschigen Teppich unter die neuralgische Stelle legen. Mit anderen Worten: Die Werber haben das Esszimmer zwar innenarchitektonisch geschmackvoll, aber total funktionsuntauglich eingerichtet. Offenbar haben die keine Kinder. Und damit keine Ahnung.

Maurice Motz


09.04.2003

Die fliegende Kuh

Mercedes - Fliegende Kuh

Weil ich kein eigentlicher Autofan bin und das vierrädrige Gerät eher als Fortbewegungsmittel denn als Imageträger einsetze, bin ich vielleicht nicht die adäquate Zielperson für die Anzeige der neuen Mercedes-C-Klasse. Da ich aber gleichzeitig Zeitungsleser bin und deshalb von der Werbung ebenfalls kontaktiert werde, mache ich mir halt so meine Gedanken zur werbemässigen Kommunikation. Und was seh ich im Inserat? Ein schnittiges Fahrzeug, flach wie eine Wasserschildkröte, mit dynamischer Ausstrahlung. Der dazu gehörende Text informiert mich folgendermassen: «Ein neues Bild von der C-Klasse. Jetzt mit Sportpaket, auch von AMG.» Na ja, viel sagt das nicht gerade aus, aber vielleicht reicht es für Autofans. Für die anderen gibt es im Inserat einen oberen Teil, auf dem man einen Strich erkennt, der mit «Kuh» angeschrieben ist. Offensichtlich handelt es sich um ein sehr schnelles Vieh, denn es ist als solches nicht zu erkennen. Auch ich kann natürlich die Assoziation zwischen «sportlich» und der rasenden Kuh nachvollziehen, bloss frag ich mich, wie lange man in der Autowerbung noch mit Tempo als USP wirbt. Denn eines scheint klar: Ob ich jetzt mit einem Sportflitzer 120 (oder, na ja, 130 Km/h) fahre oder mit einem älteren Familiengöppel – die Kuh fliegt genau gleich schnell vorbei. Oder hab ich da im Physikunterricht vielleicht schlecht aufgepasst?

Maurice Motz

 

09.03.2003

Zweierlei Heck

Seat - Zweierlei Heck

In Natura habe ich gegen attraktive Hinterteile rein gar nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Auch nicht gegen solche, die in Jeans stecken. Schon deshalb schaue ich natürlich (wie männiglich) auch hin, wenn man diesen an sich schon ausgesprochen gefälligen Teil eines weiblichen Körpers in einem Inserat zu sehen bekommt. Das muss irgendwie mit natürlichen Reaktionen zusammenhängen, welche uns selbst immer wieder überraschen. Umso grösser ist dann die Enttäuschung, wenn man feststellt, dass das Fudi in der Werbung schnöde mit einem Hinterteil eines Automobils verglichen wird. Nichts gegen kreative Einfälle, aber dieser ist eher einfältig. Ich bezweifle ernsthaft, ob der Durchschnittsbürger die Anlehnung an die Trendjeansmarke Diesel herstellt, nur weil auf dem Heck einer bestimmten Automarke irgendwelche Abkürzungen angebracht sind, die kund tun, dass das Gefährt mit dem Treibstoff Diesel läuft. Denn wie wir alle wissen, beschäftigt sich der Betrachter einer Anzeige nur wenige Augenblicke mit deren Inhalt. Und, Hand aufs Herz, denken Sie beim Betrachten dieses Sujets auch nur einen klitzekleinen Augenblick an eine Automarke?

Maurice Motz


09.02.2003

Schlicht zum überblättern

SonntagsZeitung - Ueberblaettern

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe im Büro rumgefragt, ob jemand diese Anzeige verstehe. Doch alle schüttelten den Kopf. Thomas meinte: «Ich hab sie gesehen und mich zehn Sekunden gefragt, was das denn soll, es war mir dann aber zu blöd, um weiter darüber nach zu denken.» Und Thomas ist ein Kommunikationsmensch. Ich frage mich, was Herr und Frau Schweizer am sonntaglichen Frühstückstisch aus den kommunikativen Hieroglyphen dieser Anzeige lesen. Was hat es mit dem Wachtjournal des Pzj Sdt Michel Wutz und der SonntagsZeitung auf sich? Was tut das zugegebenermassen attraktive Heck der jungen Dame auf dem Tagesbericht, verglichen mit dem sogar der Jahresbericht des Chüngelizüchtervereins nervzerreissend spannend ist? Oder ist am Ende gerade das der Witz: Sonntage sind dermassen langweilig, dass sogar eine SonntagsZeitung Unterhaltung bietet? Ich bin zwar kein Werber, aber müsste es nicht eigentlich umgekehrt sein? Sonntagszeitungen sind dermassen spannend, dass man sie sogar einem Sonntag voller attraktiver Höhepunkte vorzieht! Aber wie gesagt, ich bin ja kein Werber sondern Leser und muss deshalb die Anzeige auch nicht verstehen. Aber überblättern kann ich sie allemal.

Maurice Motz

 

09.01.2003

Campari - Knallrot daneben

Campari - Knallrot daneben

Es gibt Inserate, die sind unverständlich. Und es gibt solche, die sind blöd. Und dann gibt es noch die dritte Kategorie, die sind beides. Für mich sind jedenfalls die Gedankengänge, welche die Kreativen zur Erschaffung dieser Anzeige geführt haben, ziemlich abstrus. Das Label zeigt, dass es bei der Werbung um ein Getränk geht, das in Bars und ähnlichen Etablissements einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad aufweist (auch ich bin häufiger Konsument). Dass man mit werberischer Übertreibung die Flüssigkeit als «Red Passion» bezeichnet, ist angesichts der roten Erscheinung des Getränks durchaus akzeptabel und gehört zum kommunikativen Spiel. Was aber um Himmels Willen hat im Hintergrund die Frau im kleinen Schwarzen für eine Bewandtnis? So scharf, dass man nach dem Genuss gleich einen Feuerlöscher brauchen müsste, ist die Spirituose beileibe nicht. Bleiben also wohl nur irgendwelche sexistische Anspielungen als Erklärung übrig. Die sind aber offenbar von sehr hohem intellektuellem Anspruch, denn ich versteh sie nicht. Oder geht es am Ende bloss um die farbliche Verwandtschaft zwischen dem Getränk und dem roten Feuerlöscher? Dann hätte es keine Frau gebraucht. Ich kann es drehen und wenden wie ich will, das Urteil bleibt dasselbe: unverständlich und blöd. Nicht einmal witzig sexistisch.

Maurice Motz

 

09.12.2002

Credit Suisse - Direkte Antwort

CS - Direkte Antwort

Im Moment haben es auch Banken schwieriger als auch schon. Die konjunkturelle Lage, das Börsen-Grounding, die miese Konsumentenstimmung und nicht zuletzt der Imageverlust ú all das schlägt den Geldinstituten auf den sonst so satten Magen. Da ist es nicht verwunderlich und durchaus legitim, dass sie sich mittels Werbung bei den Sparwilligen in Erinnerung rufen. Und am besten tut man das mit überzeugenden Argumenten wie attraktive Renditenchancen und gute Beratung. Und für einmal frägt eine Bank gar nach den Verbindlichkeiten, die ja bei pekuniären Investitionen eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Die Frage ist sinnvoll und erweckt den Eindruck, dass das Unternehmen sich ernsthaft um individuelle und ganzheitliche Lösungen bemüht. Bloss: Wer die Frage in einem Inserat aufwirft, muss damit rechnen, dass sie auch beantwortet wird. Und die Gefahr ist gross, dass die Antwort schlicht «Nein» heisst. Mich hat jedenfalls noch nie jemand nach meinen Verbindlichkeiten gefragt. Höchsten der Steuerbeamte, aber noch keine Bank. Auch nicht diejenige, die das Inserat aufgegeben hat. Dabei hab ich dort ein Konto. Könnte es sein, dass es zu klein ist?

Maurice Motz

 

09.11.2002

hp - Allzu menschlich

HP - Allzu menschlich

Mäuse okay, natürlich auch Enten oder Katzen, und es kann ausnahmsweise auch mal ein Hund oder ein Flipper sein, die man vermenschlicht. Das hat ja Tradition. Was wären Mickey Mouse oder Donald Duck ohne ihre menschlichen Charaktere, ohne ihre Schwächen und Ticks? Wie gesagt, da hab ich kein Problem damit, immerhin habe ich früher auch Comics verschlungen. Doch jetzt hat die Werbung die Vermenschlichung kalter Elektronik entdeckt. Es gibt ein Multitalent aus Kunststoff und Chips, das auch faxen, scannen und kopieren kann und das ausgesprochen menschliche Züge und Schwächen aufweist: Es ist ein Geniesser. Gegen die fachlichen Qualitäten des Apparats ist freilich nichts einzuwenden. Was mir aber nicht so recht gefallen will, ist die Art, wie das im Inserat kommuniziert wird: Das kühle Gehäuse mit ein bisschen Elektronik drin wird als menschlich fühlendes Objekt dargestellt, zu welchem man eine freundschaftlich-kollegiale, ja schon fast intime Beziehung pflegt. Immerhin teilt es das Bett mit der Testimonialgeberin. Ich kann mir nicht helfen, aber dem Umstand, dass der Drucker Party-Einladungen mit Schokoladenflecken produziert, kann ich nun wirklich kein überzeugendes Argument abringen. Schokoladeflecken als USP eines Druckers? Da hat wohl jemand etwas falsch verstanden.

Maurice Motz

 

09.10.2002

NZZ am Sonntag - Für den Versand

NZZ aSo - Fuer den Versand

«Für den Verstand und für die Sinne» heisst der Titel eines Mailings, das einer unserer Mitarbeiter kürzlich ins Büro zugestellt bekommen hat. Der Mann ist seit Jahren Abonnent der NZZ und damit auch Empfänger der NZZ am Sonntag. Gleichwohl hat man ihm freundlicherweise einen Brief geschickt, in welchem ein Probeabo des sonntäglichen Blattes offeriert wird. Das ist an sich durchaus legitim und hängt mit dem Bedürfnis nach viel Respons auf Grund ausgefeilter Adressbewirtschaftung zusammen, welche solche DM-Versände erst möglich machen. Doch just diese Datenbewirtschaftung ist es, die Anlass zu Rüge und dieser Kolumne gibt, denn auf dem Mailing sind sowohl der Vorname als auch der Familienname falsch geschrieben: Aus Piero wurde Reto, aus Schäfer Schafer. Diese relativ schlechte Trefferquote hat den Empfänger erstaunt und mir ein Sujet für die aktuelle Tomate geliefert. Gemäss Mailing-Titel geht es bei der NZZ am Sonntag um Verstand und Sinne. Vielleicht sollten sich die DM-Spezialisten mehr um den Versand kümmern.

Maurice Motz

 

09.09.2002

TCS - Elefantös

TCS - Elefantoes

Der TCS ist ein Club, der sich seit geraumer Zeit kommunikativ stark bemerkbar macht. Mittels TV-Spots und Printwerbung wird intensiv um Mitglieder geworben. Das ist natürlich legitim und auch nicht in Frage zu stellen. Und die Werber sind entsprechend gefordert. Um aufzufallen, ist ihnen jede kreative Idee recht, zum Beispiel die mit dem grimmigen Elefanten, der sich missmutig mit den Ohren fächelnd dem Automobil entgegenstellt. Wenn jetzt der Fahrer denken würde: «Gottseidank, ich bin ja TCS versichert», wäre das normal und durchaus vertretbar. Aber eben, nicht kreativ. Deshalb kam man auch auf die lustige Idee, dem Elefanten gewissermassen ein Testimonial zu entlocken. Oder besser gesagt unterzujubeln. Denn bei allem Respekt vor der hohen Intelligenz des Dickhäuters und der intensiven Werbekampagne des TCS ist nicht anzunehmen, dass das Rüsseltier schon je etwas von der Versicherung Auto TCS gehört hat. Und wenn, dann bleibt ihm die Firma in alle Zukunft als die Versicherung mit der persönlichkeitsverletzenden Werbung in Erinnerung. Denn eines weiss man: Elefanten vergessen nie etwas. Schon gar nicht, wenn man ungefragt mit ihnen Werbung macht.

Maurice Motz

 

09.08.2002

Elsève - Fettig statt frisch

Elseve - Fettig statt frisch

Michael Schumacher war auf dieser Homepage bereits einmal «Kommunikator des Monats». Er warb damals für die Schweiz. Ein nobles (wenn vielleicht auch nicht ganz uneigennütziges) Anliegen fand man, und bedachte ihn deshalb mit dem ehrenvollen Titel. Inzwischen ist der Michael Träger eines weiteren Titels: Kürzlich sicherte er sich die Weltmeisterschaft im Rumfräsen. Offenbar verdient der sonst ja sympathische Deutsche damit aber nicht genug Kohlen, er betätigt sich jetzt auch noch als Fotomodell. Und lässt sich dabei das dümmliche Testimonial entlocken: «Unschlagbar! Mein Haar bleibt länger sauber und frisch. Selbst bei extremsten Bedingungen.» Ich habe am Wochenende die Probe aufs Exempel gemacht und die Haarpracht des Formel-1-Piloten nach dem Rennen begutachtet. Nachdem der «Schumi» seinen Helm abgestülpt und den Feuerstrumpf vom Kopf gezogen hatte, sah er aus wie ein begossener Pudel: Seine Inserate-Locken jedenfalls waren weder frisch noch sauber, sondern verschweisst und fettig. Wie das in solchen extremsten Situationen bei jedem der Fall ist. Elsève hin oder her. Warum nur gibt sich ein solch bemerkenswerter Mann für sowas her? Wahrscheinlich weil er es sich wert ist.

Maurice Motz


09.07.2002

Bundesamt für Gesundheit - Hochprozentiges

BAG - Hochprozentiges

Eigentlich ist das Thema zu ernst, um Witze darüber zu reissen, aber da die Anzeigen im Moment überall zu sehen sind, hat sich vielleicht ausser mir auch sonst noch jemand über die abstrusen Sujets gewundert, welche da plakatiert sind. Im Prinzip geht es um Alkohol-Prävention. Dagegen ist weiss Gott nichts einzuwenden. Bloss, was um Himmels Willen bedeuten die klinisch anmutenden Gläser, in welchen die erstaunlichsten Gegenstände in vermutlich Hochprozentigem eingelegt sind? Da steckt doch zum Beispiel ein Klobesen in einem Glas, in einem anderen liegt ein Backenzahn und in einem dritten schwimmt ein Spielzeugauto. Was wohl wollen die Werber uns da mitteilen? Warnen sie davor, dass bei reichlichem Konsum des goldgelben Saftes das Delirium tremens eintritt, in welchem man Dinge halluziniert, die gar nicht vorhanden sind? Das wiederum ist nicht anzunehmen, denn in einem der Gläser schwimmt in aufrechter Haltung ein vermutlich menschliches Hirn. Das könnte immerhin versinnbildlichen, dass allzu viel Alkohol nicht gut ist für unsere geistige Kondition. Das ist verständlich und macht Sinn. Aber der Klobesen und der ausgerissene Zahn? Fast ist man geneigt anzunehmen, die Kreativen ihrerseits hätten etwas gar tief ins Glas geschaut bei der Konzeption dieser Kampagne. Prost.

Maurice Motz


09.06.2002

Panasonic - Widersprüchlich

Panasonic - Widerspruechlich

Die Geräte sind Klasse. Und vor allem sind sie im Trend: Wer fotografisch etwas auf sich hält, schafft sich heute eine Digitalkamera an. Und wie stets bei neuen Produkten, unterscheiden sich die einzelnen Marken letztlich vor allem durch das Marketing und die Kommunikation. Es gilt also aufzufallen im grossen Angebot der Neuigkeiten. Und Panasonic schafft das. Wenn auch eher unangenehm. Mit einem fiesen Spruch, den ich meiner Frau gegenüber nur applizieren würde, wenn sie bester Laune ist, wirbt das Unternehmen für die neue Kamera: «Sicher nichts für Frauenhände. Ausser beim Einpacken ins Geschenkpapier.» Das impliziert zweierlei: Die Handhabung der Kamera ist äusserst kompliziert und vor allem sind Frauen zu blond, um sie zu verstehen. Natürlich ist das sexistisch und diskriminierend und schon fast ein Fall für die Lauterkeitskommission. Warum nur fast? Weil Panasonic nicht nur dieses Inserat, sondern eine ganze Serie entworfen hat, und in der kommen auch die Männer schlecht weg: «Fast so einfach zu manipulieren wie ein Mann», heisst es in einer anderen Anzeige. Die Attacke auf die Geschlechter hebt sich also auf. Deshalb ist die Kampagne nicht diskriminierend. Aber widersprüchlich ist sie gleichwohl. Ist die Kamera jetzt leicht zu bedienen oder nicht?

Maurice Motz

 

09.05.2002

z. B. Dunlop - Adaptations-Ärger

Dunlop - Adaptations-Aerger

Gegen die Globalisierung kann kaum jemand ernsthaft etwas unternehmen. Sie ist ja auch nicht nur des Teufels. Und zurückdrehen lässt sie sich ohnehin nicht, auch wenn einige Chaoten Steine werfen. Auch die Werbung ist ja schon lange im Sog dieser Entwicklung. Da nennt man die Auswirkungen dann Adaptation. Es lohnt sich heute nicht mehr, in einem kleinen Land wie der Schweiz eine eigene Kampagne zu entwerfen, wenn es doch in der grossen weiten Welt bereits eine gibt. Ob das kommunikativ sinnvoll ist, lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln, aber es wird halt seit langem so praktiziert. Und ist wohl günstiger. Die Schweizer Agenturen mutieren deshalb immer mehr zu Adaptationsbüros. Statt zu kreieren, passen sie das Artwork auf hiesige Verhältnisse an. Wie ungern sie diese Arbeit verrichten, zeigt die Lieblosigkeit, mit welcher sie ausgeführt wird: Niemand hat es in dieser Dunlop-Anzeige für nötig erachtet, das deutsche ß zu eliminieren, das bei uns dermassen unbeliebt ist. Vielleicht kam die Kampagne ja auch aus England oder Holland. Und dort foutiert man sich wohl noch mehr um lokale Sprachempfindlichkeiten. Es lebe die Globalisierung!

Maurice Motz

 

09.04.2002

KPMG - Falsches Symbol

KPMG - Falsches Symbol

Jeder, der schon einmal versucht hat, mittels Golfschläger einen kleinen weissen Ball in die Ferne zu befördern weiss, dass das ein äusserst schwieriges Unterfangen ist. Ärger und Frust über missratene Schläge dominieren bei weitem und die zwei drei gelungenen Drives entschädigen nur für kurze Zeit. Insgesamt ist Golf also kein glückliches Synonym für erfolgreich zu bewältigende Aufgaben, wie sie in unserem Inserat angepriesen werden: Da ist die Rede von erfolgreicher Restrukturierung, von Optimierung bei operativen, finanziellen, rechtlichen und steuerlichen Problemen. Lauter enorm anspruchsvolle Aufgaben, die man eher nicht mit einem kümmerlich verzogenen oder kläglich hoppelnden Abschlag vergleichen sollte. Im Moment scheint Golf aber für alles und jedes als Sujet dienen zu können. Hauptsache es hat mit Prestige zu tun. Da werden dann Texte seltsam verbogen, um einen Bezug zum grünen Sport herzustellen. Wie etwa die Frage: «Sind Sie sicher, dass am richtigen Handicap gearbeitet wird?» Das verstehe, wer will. Soll das etwa heissen, dass man nur den Inserenten engagieren muss, um dann selbst Golf spielen zu können? Dann wäre die Frage freilich falsch gestellt: Der Mann würde dann nämlich absolut am richtigen Handicap arbeiten, nämlich an seinem.

Maurice Motz

 

09.03.2002

ADSL

ADSL

Engpässe im Internet sind mühsam. Da hilft ADSL aus dem Stau. Das zumindest verspricht ein Inserat der aufgesetzten Art. Abgesehen davon, dass kein Mensch weiss, was ADSL heisst, müssen wir jetzt auch noch eine Kampagne über uns ergehen lassen, welche nicht nur an den Haaren sondern gleich einer vollen Mähne herbeigezogen ist. Zur Veranschaulichung der gesteigerten Form des Adjektives «schnell» werden plakative Vergleiche bemüht, welche reichlich abstrus sind: So versucht zum Beispiel ein Homeworker wertvolle Zeit dadurch zu gewinnen, dass er Spaghettis mit einem Bohrer in mundgerechte Portionen wickelt, und eine junge Frau streicht ihre Fussnägel mit einer Rolle, die normalerweise flächendeckend für Wände eingesetzt wird. Lustig nicht? Schneller geht das alles eventuell schon, bloss, was ist das Ergebnis? Die Spaghettis kleben, der physikalischen Kraft der Zentrifuge gehorchend, an Decken und Wänden, und der Fusslack wird grossflächig und rot auf der halben Extremität kleben. Was also schneller ausschaut, ist in Tat und Wahrheit nachhaltig umtriebiger. Auf ADSL übertragen heisst das, dass zwar die Verbindung schneller zustande kommt, dass man aber dann die Konsequenzen des fixeren Zugangs mit irgendwelchen Aufräumaktionen wieder einbüsst. Und das kann ja kaum der Sinn der Sache sein. Oder heisst ADSL gar am Ende: Aber Danach Surfts Langsamer?

Maurice Motz


09.02.2002

Posthotel St. Moritz - Kein Druckfehler

Posthotel St. Moritz - Kein Druckfehler

Das Wetter schlägt wieder einmal Kapriolen. Nachdem uns zuerst sibirische Verhältnisse das Blut in den Adern gefrieren liessen, spriesst jetzt bereits das Frühlingskraut. Dabei stecken wir kalendarisch noch tief im Winter. Das beweisen einerseits die Olympischen Winterspiele und anderseits ein Inserat aus dem Engadin, welches uns Unterländern mit dem Slogan «Schnee so weiss das Auge reicht», in die Höhe lockt. Das ist nun kein eigentlicher Druckfehler, sondern ein kreativer Werbegag. Insofern kann man das Ganze ja noch akzeptieren, und es würde auch nicht für die Verleihung der Tomate reichen, wenn da nicht noch die Tatsache irritieren würde, dass es im wunderschönen St. Moritzerland seit Monaten nicht mehr richtig geschneit hat und sich die Hänge neben den künstlich präparierten Skipisten farblich zwischen braun und grau präsentieren. Ich versteh ja, dass die Touristiker mit gewissen regionalen Vorzügen argumentieren, aber selbst zur Beschönigung neigende Werber sollten einsehen, dass dies heuer wirklich die falsche Headline ist. Vielleicht haben sie ja Glück und es kommt noch mal tüchtig schneien, dann zieh ich meine Motzerei zurück und behaupte das Gegenteil. So geht das!

Maurice Motz


09.01.2002

Sonntagszeitung - Unzeitgemäss

SoBli - Unzeitgemaess

Soeben habe ich bei minus 13 Grad schuhsolendickes Eis von meiner Windschutzscheibe gekratzt. Und die Wetterprognosen sind (zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen) eher arktistauglich denn mitteleuropäisch. Und dann find ich das in meiner Lieblingszeitung. Ein gänzlich hüllenloser, leicht echauffierter Mann, dessen primäres Geschlechtsorgan von einem Feigenblatt in Form einer Sonntagszeitung bedeckt wird. Und das Inserat verspricht «mehr Lebenshilfe» und «mehr Sonntag». Vielleicht ist mein Hirn bei den herrschenden Temperaturen eingefroren, aber ich kann mir aus der seltsamen, jahreszeitlich anachronistischen Szene keinen Reim machen. Was will uns das Inserat sagen? Was treibt der bis zu beiden Ohren grinsende Mann da mit dem Medium? Und welches ist der versprochene lebensunterstützende Nutzen? Kommt der Mann vielleicht grad von einem Nacktbad und hat zwecks Schutz seiner Intimität die lebenshelfenden Dienste einer Zeitung in Anspruch genommen? O.k., das würde Sinn machen, aber doch nicht um diese Jahreszeit, in der selbst Eisbären Ohrenklappen tragen. Und überdies: Bei diesen Temperaturen hätte wohl auch eine Briefmarke zur Bedeckung der kritischen Zone gereicht.

Maurice Motz


09.12.2001

Sony Ericsson Mobile - Übertrieben

Sony Ericsson Mobile - Uebertrieben

Wir alle wissen, dass Werbung nicht reine und spröde Information sein kann. Kein Mensch würde ein Auto kaufen, das bloss mit technischen Details angepriesen wird. Grosszügiger Hubraum allein oder ein Vierradantrieb lassen das Herz noch nicht höher schlagen. Seit langem setzen die Kommunikationsspezialisten deshalb auf Emotionen. Es kommen Gefühle ins Spiel, welche dem Produkt einen gewissen Reiz verleihen, es attraktiv und verführerisch machen. Bei gewissen Gegenständen ist das freilich gar nicht so einfach. Handys, diese stets zur Unzeit störenden Taschenflegel, strahlen per se noch nichts besonders Charmantes aus. Sie sind technische Wunderwerklein, welche Kommunikation aufdrängen, wo meist keine nötig ist. In unserem Beispiel haben die Werber jetzt besonders happig zugelangt. Die wollen uns weismachen, dass man ihre Handvoll Chips und Tasten auch in eindeutig zweideutigen Situationen nicht aus der Hand legt. «Sie werden es nicht mehr loslassen», wird da behauptet, was nun tatsächlich massiv übertrieben ist. In solch romantischen Momenten werden Hände zum Tasten nicht für Tasten eingesetzt.

Maurice Motz

 

09.11.2001

Hugo Boss (Schweiz) AG - Schlicht Pech

Hugo Boss - Schlicht Pech

Vermutlich war es einfach Pech. Mitten in einer Reportage über den Kampf gegen Milzbrand war dieses Inserat platziert. Vorne rechts, wie es von Werbetreibenden immer gefordert wird. Und im dramatischen Bildbericht aus dem gebeutelten Amerika sah man lauter Männer in gelben Schutzanzügen aus Plastik mit Masken und Handschuhen. Auf einem Bild spritzten sie sich gegenseitig ab, um ja eine Kontamination mit den tödlichen Bakterien zu vermeiden. Wie gesagt, es war wohl einfach Pech, dass das Inserat von Hugo Boss mitten in diesem aufwühlenden Artikel platziert wurde. Dennoch werde ich nicht schlau aus der Kreation. Was um Himmels willen tut der junge Mann in seinem grauen Plastikanzug? Es sieht doch so aus, als würde er abgespritzt. Mir ist jedenfalls kein Regenwetter bekannt, bei welchem Wasser derart gebündelt zu Boden prasselt. Oder steht er unter einem Wasserfall? Was will uns das Inserat sagen, respektive verkaufen? Vermutlich geht es tatsächlich einfach darum, einen neuen gestylten Regenschutz in dezentem Grau für besonders nasse Tage darzustellen, und wäre die Anzeige nicht just neben der Anthrax-Geschichte publiziert worden, hätte es keine unschönen Assoziationen gegeben. Ich sags ja, vermutlich war es einfach Pech. Und das ist in diesem traurigen Herbst nicht weiter überraschend.

Maurice Motz

 

09.10.2001

Publicitas Léman - Eine Formel, die irritiert

Publicitas Léman - Eine Formel die irritiert

«Mit Top 3 voll ins Ziel… 579’000 Romands mit einem Schlag getroffen.» Wer sich im Moment solcher Ausdrücke befleissigt, zeichnet sich nicht gerade durch übermässige Sensibilität aus. Gewiss, es handelt sich um einen Comic, und beim Treffen geht es darum, dank eines Inserate-Kombis eine möglichst hohe Reichweite mit Anzeigen zu erreichen: «Top 3... eine Formel, die funktioniert.» Dennoch: Der Zeitpunkt für derartig martialische Formulierungen ist ausgesprochen schlecht gewählt. Zumal auf einem Bild deutlich eine Explosion erkennbar ist. Ich kann mir zwar vorstellen, dass diese etwas kindliche Art der Kommunikation bereits vor Wochen oder gar Monaten entworfen, gezeichnet und abgesegnet worden ist, lange bevor am 11. September das Grauen die Welt erschütterte, und vielleicht bin ich auch ein wenig empfindlich, aber als ich dieses Inserat sah, war ich erheblich schockiert und die Formel, die angeblich funktioniert, hat mich höchstens irritiert. Etwas mehr Sensibilität im Umgang mit Anzeigen dürfte nicht schaden, zumal wir nicht wissen, wann wieder zugeschlagen wird. Wenn Fernsehstationen ganze Programme ändern und Zeitschriften ihre Titelstories umschreiben können, sollte es auch Werbern möglich sein, innerhalb von zwei Wochen ein Sujet auszuwechseln.

Maurice Motz

 

09.09.2001

Viva-Swizz - «Frösteln?»

Viva Swizz - Fröstlein?

O.K., ich gehöre nicht exakt in die Zielgruppe der Jugend-Musik. Hie und da bleib ich aber beim Zappen schon auf einem dieser Kanäle hängen und ergötze mich dann an den jungen und schönen Menschen und deren elastischen Darbietungen. Ausserdem mag ich trotz fortschreitenden Alters die Musik. Klar, dass auch diese Sender ein wenig Werbung brauchen. Vor allem in der Werbefachpresse, weil diese ja von den Werbern gelesen wird. Und dort fand ich auch dieses Inserat, das mich doch erheblich ratlos gemacht hat. Ein offensichtlich übermüdeter Businessmann und ein bereits ins Jenseits gedrifteter Lebloser stellen die Protagonisten der Anzeige dar. «Chillen?» frägt man mich und andere Betrachter des Werks und hofft auf eine Buchung. Nehme ich jedenfalls an. Laut meiner Kenntnisse im Angelsächsischen bedeutet der Text in etwa: «Frösteln?» Der Aufgebahrte mag ja cool gewesen sein, frösteln wird er in der gegenwärtigen Verfassung kaum mehr, und warum der leicht erschöpfte Yuppie unterkühlt sein soll, ist mir auch schleierhaft. Aber eben, ich bin ein Grufti und muss von derlei Dingen ja nichts mehr verstehen. Dass mir die Werbung nicht gefällt, erlaub ich mir dennoch zuzugeben. P.S.: Die Jungen in unserem Büro haben sie auch nicht verstanden.

Maurice Motz

 

09.08.2001

Swisscom - Zur falschen Zeit

Swisscom - Zur falschen Zeit

Eigentlich gehört diese Anzeige eher in die Rubrik «Pleiten, Pech und Pannen», denn inhaltlich gibt es am Inserat nichts zu meckern. Es ist nur zur falschen Zeit erschienen. Man erinnert sich: Am 27. Juli war das Swisscom-Mobilnetz für zehn Stunden zusammengebrochen. Informationen mit höchstem Dringlichkeitswert wie die Mitteilung, man sei jetzt grad auf dem Heimweg oder man habe soeben vom Tram aus die neue Freundin des Nachbarn erblickt, blieben im Aether oder sonstwo stecken. So weit so schlecht. Nach der erzwungenen und 30 Millionen Franken teuren Pause gings bald wieder wie gehabt und im üblichen Blabla weiter. Die Panne löste bei den Medien freilich emsige Betriebsamkeit aus: TV und Zeitungen machten den unliebsamen Unterbruch zum Titelthema. Nur die Werber, die verschliefen das Ereignis kläglich. In der gleichen Ausgabe wie die Pannenmeldung pries Swisscom unentwegt SMS zum halben Preis an. Mit dem notorischen Text: «Sind Sie auf dem richtigen Netz?» Eine Frage, die aus aktuellem Anlass wohl manchen zum Nachdenken angeregt haben mag. Da stellt sich vielmehr die Frage: War es den Werbern tatsächlich nicht möglich zu reagieren? In der gleichen Zeit, in welcher die Journis Titelstories samt Kommentar und Interviews und TV-Beiträge produzierten, hätten sie ja auch ihrer vielgerühmten Kreativität freien Lauf lassen oder wenigstens die kompromitierende Frage streichen können. Deshalb: Tomate.

Maurice Motz

 

09.07.2001

Honda - Untauglicher Vergleich

Honda - Untauglicher Vergleich

In einem E-Mail bin ich kürzlich als Mann gerügt worden, der Probleme mit dem Sex habe, nachdem in dieser Rubrik verschiedentlich sexistische Inserate kritisiert worden sind. Der Mann wird sich jetzt erneut ärgern, denn ich hab wieder eines entdeckt. Es gehört in die Kategorie «muss denn das sein?» und zeigt eine atemberaubend schöne junge Frau, die verführerisch lächelnd und eines ihrer wohlgeformten Beine zeigend, für ein Auto wirbt. Mein Gott, sind wir immer noch nicht weiter? Wenn den Werbern wirklich nichts mehr einfällt, verfallen sie auf die kümmerliche Idee, ein Auto mit einer attraktiven Gestalt weiblichen Geschlechts zu vergleichen. Betrüblich ist das. Gewiss, das Auto sieht sehr ordentlich aus und erfüllt durchaus hohe ästhetische Ansprüche, verfügt es aber über keinerlei andere Vorzüge, die man kommunizieren könnte? Da kann man sich bloss fragen, ob es nun an Kreativität, der Marketingidee oder am Briefing mangelt. Wie auch immer, das Ergebnis ist ernüchternd und ärgerlich. Jetzt unterstellt mir der E-Mail-Schreiber wohl wieder, ich hätte Probleme mit Sex oder dem anderen Geschlecht, dabei hab ich bloss Probleme mit solch unorigineller Werbung.

Maurice Motz

PS: Ich fahre ein Auto derselben Marke.

 

09.06.2001

Interprofil - Ästhetik oder Information?

Interprofil - Ästhetik oder Information?

Ein wenig ist es ja wie mit der Religion oder der Frage, ob man nun auf einem PC rumhackt oder einem Mac. Zwei Ideologien eben. Und die Anhänger beider Glaubensrichtungen vertreten vehement ihren Standpunkt. Übertragen auf die Werbung lautet die Frage: Welches Inserat verkauft besser? Das prononciert ästhetische oder das mit möglichst viel Information bestückte. Natürlich gibt es Unterschiede. Branchenspezifische und andere, aber in unserem Beispiel, wo Ästhetik eine nicht unbedeutende Rolle spielt, scheint doch ein Missverhältnis zugunsten der Information stattgefunden zu haben. Schön nach aufsteigenden Postleitzahlen wurden da über 40 Verkaufsstellen aufgelistet, wo obiges Sitzgerät, ein Sofa namens Sydney, käuflich erworben werden kann. Das Kleingedruckte ist hier aber nicht klein gedruckt, sondern dominiert die ganze Anzeige in penetranter Form und dergestalt, dass man das Sofa fast nicht mehr sieht. Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, dass all die Geschäfte irgendwie erwähnt sein wollen, aber im Zeitalter des Internets hätte es wohl genügt, eine www-Adresse mit den entsprechenden Angaben anzufügen und im übrigen das Sofa für sich sprechen respektive wirken zu lassen. Sydney hätte ein ansprechenderes Inserat verdient.

Maurice Motz

 

09.05.2001

Fust Küchen - Stark daneben

Fust Küchen - Stark daneben

Liebe – so heisst es – geht durch den Magen. Früher war das geschlechtsspezifisch relativ klar definiert: Frauen bekochten ihre Göttergatten und sicherten sich dergestalt deren Zuneigung. Heute ist alles anders: Moderne Frauen mögen es, wenn ihre Partner die Kelle schwingen und ihnen auserlesene Köstlichkeiten servieren. So weit, so gut. Weil Kochkünste meist in Küchen zum Tragen kommen, liegt es nahe, dass Hersteller solcher Arbeitsstätten obige Tatsache kommunikativ nutzen und bildhaft darstellen. Die Fust-Werber kamen dabei auf die starke Idee, nicht einen gewöhnlichen Koch an den Herd zu stellen, sondern den Europameister im Bodybuilding, dessen Muskeln das Koch-Equipment mit grosser Leichtigkeit handhaben lassen. Der Mann ist von der Physiognomie her aber total unbekannt. Zwecks Erkennbarkeit liess man ihn deshalb oben ohne Textilien dafür mit erheblichem Muskelbefall an die Platten treten. So lässt sich dann auch gleich ein werbewirksames Wortspiel kreieren: «Mariano Villena, ein starker Fust-Küchenplaner». All das ist schon reichlich aufgesetzt, dass sich dann aber noch eine elegante Dame in Abendrobe auf Marianos breite Schulter stützt, ist zuviel des Guten. Da gibt’s nur ein Urteil: Stark. Aber stark daneben.

Maurice Motz

 

09.04.2001

Gucci - Verantwortungslos

Gucci - Verantwortungslos

Erst wenige Wochen ist es her, seitdem ein junger Mann in Unterseen im Kanton Bern von gleichaltrigen Skinheads brutal zu Tode geprügelt, ja eigentlich hingerichtet worden ist. Die Medien waren voll davon: Eine Welle der Empörung und des Unverständnisses schwappte durch das Land. Beamte und Psychologen, Politiker und Lehrer meldeten sich zu Wort, und die Öffentlichkeit nahm mit Bestürzung zur Kenntnis, dass auch in geordneten, bürgerlichen Verhältnissen jene Saat spriesst, die im letzten Jahrhundert für die abscheulichsten Taten seit Menschengedenken verantwortlich ist. Was auch immer junge, fehlgeleitete Menschen dazu bewegen mag, dem Irrsinn dieser übelsten aller Ideologien zu verfallen, absolut unverständlich ist es, wenn jemand Symbole dieser Bewegung für Kommunikation einsetzt. Gewiss, heute tragen viele junge Männer die Haare kurz und sind dennoch keine Skinheads, doch die Darstellung mit dem muskelstrotzenden, nackten Oberkörper, dem Gewalt symbolisierenden Kraftband am Handgelenk und dem süffisanten und abschätzigen Gesichtsausdruck strahlt alles andere als die Attitude eines harmlosen Gymnasiasten aus. In einer Zeit, in der Rechtsradikalismus bedrohlich zunimmt, ist es schlicht fahrlässig, um nicht zu sagen verantwortungslos, Skinheads zu Kultstatus empor zu stilisieren. Auch wenn es ästhetisch ansprechend geschieht.

Maurice Motz

 

09.03.2001

Siemens - Simplifizierung

Siemens - Simplifizierung

Ich hab ja nichts gegen eine klare Message. Eine ohne Schnörkel, ohne «von hinten rum ins Auge», sondern eine, die schlicht, direkt, verständlich ist. Doch alles hat seine Grenzen. Wenn eine Kampagne dermassen einsilbig daher kommt, dass man infolge Simplifizierung der Message gar nicht mehr mitkriegt, worum es denn überhaupt geht, dann stimmt etwas nicht mit der Idee. «Spiel dem Tag ein Lied» fordert die Anzeige unverblümt auf, und zu sehen ist ein pfeifender, junger Mann mit geschlossenen Augen sowie ein Handy mit Kopfhörer. Was, frag ich mich, wollen uns der Werber und der Inserent mitteilen? Ist das jetzt ein Radio in Handyform oder ein Handy als Radioempfänger? Beim heutigen ungestümen Innovationstempo würde das ja niemanden überraschen. Oder ist’s kein’s von beidem? Leider hilft auch die www.adresse, welche zwecks Informationsvertiefung abgedruckt ist, nicht weiter: Auf der Homepage findet man drei Handys: Die Modelle SL 45 und S40 sowie das M 35i, und alle weisen eine eindrückliche Palette von Eigenschaften auf wie Organizer, Diktiergerät, Uhr, Taschenrechner, Zubehör für SMS, Fax, E-Mail und was sonst das Handy-Herz begehrt, nur ein telefonischer Apparat für Musik ist nicht darunter. Aha, das Ganze ist also symbolisch gemeint. Nur leider versteh ich die Symbolik nicht, das Einzige, was mir stets in den Sinn kam, war der Titelsong aus Sergio Leones Film «Spiel mir das Lied vom missglückten Inserat». Oder so ähnlich.

Maurice Motz


08.02.2001

Feller-Dosen - Mogelpackung

Feller-Dosen - Mogelpackung

Es gibt Produkte, die haben von Natur aus eine sexy Ausstrahlung. Zarte Dessous etwa oder schnittige Sportwagen, duftende Parfüms oder die Sportdresses der Venussisters. Und es gibt andere. Eine Büroklammer oder eine Käseraffel überzeugen eher durch ihre Funktionalität als durch ihre erotische Erscheinung. In diese Kategorie gehörten bisher eigentlich auch Steckdosen. Sie wurden, da eher unscheinbaren Charakters, meist möglichst unauffällig im Wohnraum integriert. Weiss auf weisser Wand, um optisch diskret im Umfeld abzutauchen und die Inenneinrichtung nicht zu beeinflussen. Doch jetzt wird alles anders: Plötzlich emanzipieren sich die kleinen viereckigen Dinger, treten selbstbewusst und farbig auf, und weil das kommunikativ noch nicht für eine Story reicht, werden sie als Katalysatoren für intime Bettgeschichten dargestellt. Bei allem Respekt vor der Funktionalität des Gerätes und der Kreativität der Werber, das scheint mir nun wirklich ein wenig an den Haaren herbeigezogen zu sein. Ebenso gut könnte man einer Büroklammer intime Bettgeschichten andichten, nur weil sie vielleicht einmal einen Liebesbrief zusammenheftet.

Maurice Motz

 

08.01.2001

Nespresso - Theatralische Arroganz

Werbekampagnen, die in einem Land entworfen und realisiert werden, passen nicht in jedem Fall und überall hin. Noch gibt es ja trotz Globalisierung (glücklicherweise) Unterschiede zwischen Regionen und Mentalitäten. Es ist deshalb unsinnig, eine Kampagne, die aufgrund von knallharter Marktforschung zum Beispiel in New York entstanden ist, tel quel auf Sizilien oder das Appenzellerland umzumünzen. Das ist zwar bekannt, wird aber immer wieder vergessen oder verdrängt. Der junge Mann, der seit kurzem im TV theatralisch um nicht zu sagen süffisant für Nespresso-Kaffeemaschinen wirbt, ist so ein Fall: Es mag ja sein, dass im Ursprungsland des Spots diese kaltschnäuzige Art gut ankommt, dass man es dort goutiert, wenn jemand von oben herab seine Message durchgibt. So im Sinne von «je höher, desto besser». Bei uns aber kommt sowas gar nicht gut an. Im Lande Tells mag man es nicht, wenn die Hüte zu hoch hängen. Und vor allem ist man hier ziemlich allergisch auf grossmäulige Arroganz. Kommt dazu, dass der Werbefilm ausgesprochen häufig ausgestrahlt und deshalb seine negative Wirkung potenziert wird: Wer ihn sieht, zappt gleich weg. Was insofern bedauerlich ist, als der Espresso aus dieser Maschine tatsächlich der beste ist. Nur werden das die Wenigsten erfahren, denn der Spot vereitelt einen wohlwollenden Kontakt mit dem Produkt.

Maurice Motz

 

08.12.2000

RTL - Sprachlos

RTL - Sprachlos

Der Grund, warum gerade dieses Inserat meinen Unmut entfacht hat, ist etwas komplex. Nicht, dass mich die Grafik stören würde oder die auf das Minimum reduzierte Aussage, werbetechnisch sind die schon o.k., mich hat etwas anderes irritiert: Ausgerechnet am besinnlichsten aller Feiertage soll also unser Land in die Glotze äugen. Sich Chips kauend verlustieren mit irgendwelchen Plastikserien oder orwellschen Enthüllungs-Peinlichkeiten. Sind wir tatsächlich bereits dermassen sprach- und gedankenlos und von uns selbst gelangweilt, dass uns nur noch der grosse Bruder in Stimmung halten kann? «Weihnachten ist gerettet» verspricht das Inserat und symbolisiert die Verheissung mit einem Rettungsring. Wahrlich eine optimal reduzierte Headline. Und sie passt vorzüglich in den Kontext einer aufrüttelnden Meldung: Eine internationale Studie hat enthüllt, dass die Schweiz in Sachen schulische Bildung in der Rangliste der wichtigsten Industrienationen immer weiter nach unten rutscht und nur noch knapp im ersten Dutzend figuriert. Und unser Inserat reflektiert wohl bloss eine nicht nur betrübliche, sondern auch verhängnisvolle Entwicklung. Neil Postmans buch «Wir amüsieren uns zu Tode.» ist also alles andere als Schnee von gestern, sondern aktueller denn je. Jetzt sogar an Weihnachten.

Maurice Motz

 

08.11.2000

Sinalco - Nicht dasselbe in Gelb

Sinalco - Nicht dasselbe in Gelb

Wann haben Sie das letzte Mal in einen Küchenschwamm gebissen? Einen gelben nota bene? Noch nie? Dann müssen Sie das schleunigst nachholen, denn nur so können Sie feststellen, wie die Limonade mit dem wohlklingenden Namen Sinalco nicht schmeckt. Dies zumindest ist die eigentümlich und verwirrliche Logik einer Werbekampagne, die inseratemässig und Mittels Plakaten verbreitet worden ist. Zugegeben, sehr einfach kann es nicht sein, ein Mineralwasser im übersättigten Markt zu positionieren. Da muss man halt einmal andere Wege gehen und versuchen, die Aufmerksamkeit Mittels USP plakativ auf sich zu ziehen. Dennoch habe ich etwelche Mühe, den strategischen Entscheid nachzuvollziehen, der hier gemacht worden ist. Es handelt sich hierbei um einen klassischen Fall eines simplifizierenden, negativen Umkehrschlusses. Besagt wird, dass das genannte Wasser eben anders und zwar besser schmeckt, als ein gelber Schwamm, respektive ein gelber Strumpf. Welch verblüffende Feststellung. Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Höchstens dies: Nicht alles, was wie eine Idee daher kommt, ist auch wirklich eine.

Maurice Motz

 

08.10.2000

Swisscom-Kundenaktion - Voll daneben

Swisscom-Kundenaktion - Voll daneben

Manchmal gehen Dinge voll daneben. Oder laufen einfach nicht so, wie man möchte. Unter das Kapitel «kommunikative Panne» ist als praktisches Beispiel eine aktuelle Aktion der Swisscom einzureihen, die genau das Gegenteil von dem bewirkt hat, was sie hätte sein sollen: eine Kundenbindung. Um sich bei treuen Mobile Abonnenten zu bedanken, offerierte die Swisscom Letzteren ein «besonders vorteilhaftes Handy-Angebot». Dies geschah per Telefon, was in Anbetracht des Absenders zweckdienlich ist. Interessent A. outete sich als solchen und bestellte eine Offerte für ein bestimmtes Modell, ein Nokia 7110 für Franken 198.–. Nach vier Tagen erkundigte sich Interessent A. bei der entsprechenden Stelle nach der Offerte und erhielt die Auskunft, leider sei keine solche vermerkt, man stelle aber umgehend eine neue aus. Wiederum vier Tage später und immer noch offertenlos fasste A. nach und bekam zu hören, dass der Vertrag unterwegs sei. Leicht verärgert und nach der Lektüre einer Werbung von Marktpartner diAx, beschied A. dass er auf das Handy von Swisscom verzichte, er möchte es nämlich erstens nicht in der einzig verfügbaren Farbe grün, und zweitens werde dasselbe Gerät von diAx für Neukunden ebenfalls feil geboten. Und zwar in diversen Farben und für Franken 0 (null). Seither hat Swisscom einen Mobile-Kunden weniger.

Maurice Motz


08.09.2000

Radio 105 - Verständnislos

Radio 105 - Verständnislos

Mitunter frägt man sich schon, was in den Hirnwindungen gewisser Werber vor sich geht. Betrachten Sie doch einmal dieses Inserat, und sagen Sie mir dann, ob Sie schlau daraus werden. Eine junge, leicht verstimmt wirkende Frau beurteilt da offensichtlich die Erfahrungen mit ihrem Ex-Freund und mit dem neuen Lebensabschnittpartner: Den bisherigen qualifiziert sie mit «10 Minuten» ab, den Neuen mit «25 Zentimeter». Abgesehen davon, dass sogar der Volksmund weiss, dass man Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen kann, es also wenig Sinn macht, eine zeitliche Dimension einem Längenmass gegenüber zu stellen, frage ich mich unentwegt, was die junge Dame denn nun mit ihrer Aussage rüberbringen will. Sollte es sich tatsächlich um anzügliche Feststellungen handeln? Brachte es der Ex beim Liebesspiel auf bescheidene zehn Minuten, und verfügt der Neue über eine dermassen beeindruckende Ausstattung geschlechtsspezifischer Gerätschaft? Hony soit qui mal y pense. Vermutlich spricht die junge Dame ja von etwas ganz anderem, denn ihr reichlich betrüblicher Gesichtsausdruck lässt nicht auf höchste Befriedigung, in welchem Sinne auch immer, schliessen. Vielleicht handelt es sich bei der ganzen Sache ja auch bloss um ein Zahlenspiel, denn unten im Inserat erfährt man, dass das Girl den Lieblingssound bei Radio 105 reinzieht. Jetzt muss mir nur noch jemand erklären, was die Zahlen 10, 25 und 105 für eine Bewandtnis haben. Ich sags ja, gewissen Gedankengängen kann ich einfach nicht folgen.

Maurice Motz


08.08.2000

James - Orwell’sche Phantasie

James - Orwell'sche Phantasie

Es sieht aus wie ein Kühlelement und nennt sich James. Was dessen verwandtschaftliche Nähe zu einem Butler impliziert. Und ein solcher ist es denn auch. Irgendwie. Denn James ist ein virtueller Butler, gewissermassen ein elektronisches Hirn, das alles überwacht, was es so in einem Haushalt zu überwachen gibt. Zum Beispiel, dass die Katze wieder einmal das neue Sofa mit einem Krallenbrett verwechselt. Solches und mehr verpricht der kleingedruckte Werbetext, den wohl nur diejenigen lesen, die aus der Überschrift «Zeigt Ihnen, wer die Blumen mit der anonymen Karte gebracht hat» klug geworden sind. Und davon gibt es ausser vielleicht dem verstorbenen George Orwell, dem ersten Warner vor dem gläsernen Menschen, und einigen superschlauen Kids, welche statt ins Ferienlager ins Prättigau ins Pentagon jetten, um dort spielerisch militärisch relevante Computerpannen zu beheben, wohl nicht eben viele. Gut, man kann sagen, eine unverständliche Überschrift animiere zum Weiterlesen, man will sich ja schliesslich nicht eingestehen, dass man kein Wort verstanden hat. Aber ich nehme an, dass auch diese Zielgruppe relativ bescheiden ist, zumal man auch nachher nicht viel klüger ist. Ich habs dann noch unter der Internetadresse versucht. Und tatsächlich kann man da am Modell erfahren, was denn nun dieser Butler alles kann und können soll. Und ich sags Ihnen gleich direkt: Auf diesen elektronischen Überwachungs-Klimbim kann ich verzichten. Und andere wohl auch. Insofern spielt es auch keine Rolle, wenn das Inserat unverständlich ist.

Maurice Motz


08.07.2000

Siemens - Erstaunliche Dramaturgie

Siemens - Erstaunliche Dramaturgie

Es gibt Kampagnen, bei welchen man zwar ahnt, worum es gehen könnte, und man verweilt auch einige Augenblicke, um die tiefere Aussage der Message zu ergründen, doch wenn man dann verständnismässig nicht fündig wird, blättert man flugs um. Zappt gewissermassen printmedienmässig weg. Um eine solche Anzeige handelt es sich im vorliegenden Fall. Der Aufbau ist insofern verschwommen, als bereits die bildhafte Umsetzung Fragen hinterlässt. Die in leichter Unschärfe sich sonnende junge Dame im Vordergrund ist zwar in selbigem (eben im Vordergrund), spielt aber scheinbar eine Nebenrolle. Deshalb wohl die Unschärfe. Trotz untergeordneter Rolle ist die Dame aber die aktive Person im Bild. Sie telefoniert. Und unten im Textbalken kann man nachlesen, was sie sagt: «Die ersten Ferien seit 3 Jahren. Und dich interessiert nur, wie die Präsentation lief» motzt sie in den seltsamen Hörer. Erst beim zweiten Blick (so man denn einen solchen investiert) erkennt man, dass es sich beim Hörer um einen Schnorchel handelt und die Dame gar nicht telefoniert. Die Aussage ist also an den zwar bildmässig scharfen aber autistisch in sich gekehrten jungen Mann gerichtet, der sich offensichtlich nur für die Message auf einem unsichtbaren Gerät kümmert. Und die lautet: «Adrian, Meeting war super! Schöne Ferien!» Jetzt wo ich die Dramaturgie des Auftritts verstanden habe, taucht eine andere Frage auf: Wenn E-Mail doch so eine tolle Sache ist, und die Message dermassen kurz, kann ich nicht nachvollziehen, warum diese vielleicht eine Minute dauernde interaktive Tätigkeit die ersten Ferien seit 3 Jahren versauen soll.

Maurice Motz


08.06.2000

Microsoft - Deutsch und deutlich

Microsoft - Deutsch und deutlich

Wenn mich meine durchaus akzeptablen Englischkenntnisse nicht täuschen, dann heisst die Headline dieser farbenfrohen Anzeige sinngemäss «Im Leben muss es Besseres geben als dies.» Zugegeben, es ist nicht jedermanns Sache annähernd schwerelos in der phantastischen und entrückten Unterwasserwelt zu schweben und dabei in einer unbeschreiblichen Szenerie einer schier unerschöpflichen Vielfalt an Tieren, Pflanzen, Farben und Formen zu schwelgen. Zugegeben, für diese zwei, drei Ignoranten, die das verabscheuen oder solche, die Angst vor der Tiefe haben, mag das Inserat, das scheinbar als Imagekampagne für einen Job bei Microsoft gedacht ist, ja durchaus angehen. Für alle anderen, die fasziniert sind von dieser einmaligen Atmosphäre im Meer, wo man nicht nur Alltagssorgen vergisst, sondern auch Abstand gewinnt zur Arbeitswelt und ihrem Stress, muss das Werk wie ein Hohn wirken. Wollen die Werber einem tatsächlich weis machen, ein Job in einem engen, überstellten Büro mit grantigen Kollegen und einem rüpligen Vorgesetzten sei eine bessere Welt als die abgebildete? Bei allem Respekt, aber wer den Mund derart voll nimmt, kann nicht für voll genommen werden. Vielleicht hab ich ja auch einfach alles falsch verstanden, weil meine Englischkenntnisse eben doch nicht ausreichen, um Werbung in dieser Sprache zu begreifen. Aber dann kriegt die Kampagne erst recht eine Tomate, denn immerhin spricht man bei uns immer noch deutsch.

Maurice Motz

 

08.05.2000

muba - Diskrepanz zwischen Mutter und Messe

muba - Diskrepanz zwischen Mutter und Messe

Die Frau ist schön fotografiert. Und erst noch von einem Linsenkünstler, der Weltruf geniesst. Und dennoch, auf die Gefahr hin als prüder Zeitgenosse zu gelten, wage ich, die Kampagne mit der schwangeren, nackten Frau, die für die Mustermesse wirbt, als ausgesprochen unglücklich zu bezeichnen. Dabei habe ich gar nichts gegen einen ästhetischen Akt einer schwangeren Frau einzuwenden, mich stört bloss der Kontext, die Verbindung dieser ergreifenden und sinnbildlich starken Wiedergabe einer werdenden Mutter mit einer profanen Ausstellung. Die Muba mag ja die Mutter aller Messen sein, diesen Umstand mit einem solchen Werk kommunikativ umzusetzen, löst bei mir aber Unbehagen aus, weil es eine Grenze des stillen Respektes gegenüber Höherem und Bedeutenderem überschreitet. In der Werbung sollte nicht alles, was möglich und machbar ist, auch umgesetzt werden. Gewiss, den Machern der Kampagne ist es gelungen, mit dem ästhetisch und künstlerisch durchaus hohen Ansprüchen gerecht werdendem Foto sexistischen Voyeurismus zu vermeiden, das hohe Niveau der Umsetzung hat aber eine andere Diskrepanz geschaffen: Diejenige zwischen einer zwar alten und grossen aber dennoch nichts Erhebendes vermittelnden und letzenendes lauten und krämerischen Gewerbeshow und einem auch heute noch stillen, übersinnlichen, weil naturgegebenen, schöpferischen Ereignis. Warum um alles in der Welt muss die Muba-Mutter nackt dargestellt sein?

Maurice Motz

 

08.04.2000

Subaru Forester 4WD - Leere Versprechungen

Subaru Forester 4WC - Leere Versprechungen

Eigentlich dachte ich, die Sache sei ausgestanden. Nachdem die Brum-Brum-Generation, deren erhebenstes Ziel es war, den für die Beschleunigung des Fahrzeuges zuständigen Hebel möglichst unablässig und flach am Bodenbrett verharren zu lassen, langsam in die Jahre gekommen ist und sogar deren ideologische Vereinigung «Auto Partei» infolge zunehmender Fehlzündungen den Motor abgestellt hat, schien die Zeit endgültig vorbei zu sein, in welcher man mit schnellen Autos jemanden beindrucken konnte. Doch weit gefehlt: Da buhlt doch neuerdings ein Geländewagen um Käuferschaft, mit der Feststellung, er sei immer noch der schnellste auf der Welt. Abgesehen davon, dass man einen Geländewagen ja wohl vor allem deshalb erwirbt, weil er geländegängig und nicht weil er besonders fix ist, müsste doch eigentlich das Attribut Schnelligkeit langsam in den unteren Schubladen der Argumentation verschwinden. Offensichtlich ist der allgemeine Trend zu Temporeduktionen an den Machern des Inserates spurlos vorbeigefetzt. Und selbst für Leute, die sich von einer solchen Headline angesprochen fühlen, folgt dann nichts weiter als warme Auspuffluft: Nirgends im Text steht, wie schnell denn nun dieser Schnellste der Schnellen tatsächlich ist. Im Kleingedruckten findet man lauter Hinweise auf die Sicherheit und andere sinnvolle Dinge. Da frag ich mich schon, warum man in der Headline derart leere Versprechungen macht. Weiss jemand eine Antwort?

Maurice Motz

 

08.03.2000

Ikea - Imageverwirrung

Ikea - Imageverwirrung

Jede Marke hat ein Image. Oder versucht wenigstens eins zu haben. Das Image des schwedischen Möbelherstellers Ikea ist, wenn ich mich nicht irre, relativ eindeutig: Möbel für das kleine Portemonnaie. Kommuniziert wurde das bisher mit einem Schuss Schalk, einem röhrenden Elch und einem Slogan, welcher Ikea ironisch und sympathisch als «unmögliches Möbelhaus» positionierte. Doch damit ists jetzt vorbei: Jetzt hat der Intellekt Einzug gehalten in Stockholm oder wo auch immer die Kampagne kreiert wird. Man macht jetzt auf vergleichende Werbung der anspruchsvollen Art, indem man Ikea-Möbel Produkten anderer Branchen preislich gegenüberstellt. Damit das auch jedermann versteht, werden die Anzeigen mit fingierten Kassenzetteln versehen. Und so erfährt man dann, dass eine Golduhr sage und schreibe 5\'500 Franken kostet, ein Arbeitstisch bei Ikea aber bloss deren 3\'114.–. Ein überzeugendes Argument. Vielleicht sollte mal jemand den Ikea-Werbern erklären, dass mit vergleichender Werbung Artikel derselben Kategorie gegeneinander abgewogen werden. Es scheint als wolle Ikea sein Image revidieren. Vom unmöglichen Möbelhaus zum Möbelhaus mit unmöglicher Werbung.

Maurice Motz

 

08.02.2000

Rover 75 - Vollmundig

Rover 75 - Vollmundig

Früher haben die Automobilhersteller ihre Karossen mit artspezifischen Merkmalen beworben. Diese deckten die ganze Palette von Eigenschaften ab, welche Automobile nun mal so charakterisieren. Die einen waren rassig am Berg, andere geräumig im Inneren oder besonders wendig und wieder andere leise und kraftvoll. Heute scheint es, als könne mit solchen Attributen kein Staat respektive keine Kommunikation mehr gemacht werden. Seitdem die Werber die Emotion entdeckt haben, respektive seitdem sich Mobile fast wie ein Ei dem anderen gleichen, müssen andere selling propositions zur Werbung herhalten. Und darüber haben sich die Werber des ausgesprochen gediegenen und preisgekrönten Rovers 75 eingehend Gedanken gemacht. «Was» haben sie sich gefragt, «fehlt dem heutigen Zeitgenossen am meisten?» «Welches sind die am häufigtsen formulierten Bedürfnisse, des modernen Automobilisten?» Und sie sind fündig geworden: Zeit. Zeit ist es, was uns allen fehlt, uns, die wir alle von einem Termin zum nächsten hetzen. Was also lag näher, als dem unter Zeitnot leidenden Konsumenten und potentiellen Autointeressent Zeit zu versprechen? Wer Rover fährt, entspannt sich und pfeift auf Termine. Jetzt geht es wohl nicht mehr lange, dann verspricht uns ein Inserat Gesundheit oder gar Intelligenz. Intelligenz, die gewissen Leuten offensichtlich abgeht.

Maurice Motz


08.01.2000

Delinat Weinhaus - Drucke jetzt, korrigiere später

Delinat Weinhaus - Drucke jetzt, korrigiere später

Gottseidank, wir haben ihn überstanden. Keinen Börsencrash, keinen Stromausfall, nicht einmal ein Chaos am Flugplatz hat der Wechsel des Jahres verschuldet. Alles paletti. Wie ist so etwas möglich? Wo doch ganze Heerscharen von Studierten oder zumindest eingebildeten Gescheiten den totalen Kollaps angekündigt hatten. Nichts ist geschehen, und bereits beginnt das Wort Millennium zu verblassen. Da wir ja alle inzwischen wissen, dass gemäss Adam Riese das neue Millennium erst Ende dieses Jahres seinen eigentlichen Auftritt hat, kann man das hübsche Wort werbemässig in elf Monaten nochmals hervorkramen. Es bleibt also genügend Zeit, für die Gestaltung eines neuen Inserates. Bekanntlich wenden Werber unendlich viel Zeit auf, um eine Gestaltung zu Ende zu bringen. Das macht auch Sinn, man kann so ärgerliche Fehler vermeiden, die in der Hitze des Gefechtes schon mal vorkommen können. Denn wenn Gestalter und Texter und Kunde die Vorlage bis zum Geht-nicht-mehr gelesen und korrigiert haben, kann man sicher sein, dass dann alles seine Richtigkeit hat. Oder zumindest fast alles. Ausser einem kleinen Druckfehler in der Überschrift vielleicht. Aber wen kümmerts. dass man Millennium mit zwei n schreibt? Die Sache ist ja ohnehin gelaufen. Oder zumindest bis zum nächsten Jahreswechsel korrigierbar.

Maurice Motz

 

08.12.1999

Honda - Geschlechtsverwirrung

Honda - Geschlechtsverwirrung

Laut Duden ist ein Harem «die Gesamtheit der weiblichen Personen, welche ständig um einen Mann herum sind». Und diese Definition ist abschliessend. Nirgends heisst es da, man könne auch eine Geschlechtsumwandlung vornehmen, um damit eine ohnehin reichlich kindliche Werbekampagne gewissermassen geschlechtsspezifisch umzupolen. Denn was wir da auf dem Inserat sehen, ist, wenn ich mich richtig an meine Kindheit und deren Märchen erinnere, ein Schneewittchen und sieben Zwerge. Von Harem keine Spur. Ob das nun mit political correctness zu tun hat, weil es unschicklich, respektive sexistisch wäre, einen echten Harem abzubilden, entzieht sich meiner Kenntnis, eines aber steht fest: Text und Bild stimmen nicht überein. Dieser Mangel wird auch dadurch nicht wesentlich entschärft, dass im Kleingedruckten die Rede ist von sieben Sitzplätzen, denn wenn ich richtig zähle, sind acht Personen abgebildet. Wo also ist der Sinn des Harem-Zwergenkalauers? Ausserdem muss ich als Freund von Gartenzwergen vehement gegen diesen Missbrauch der knorrigen Wesen protestieren. Es würde mich nicht wundern, wenn das noch ein Fall für die Lauterkeit in der Werbung würde. Lasst Euch das nicht gefallen Zwerge!

Maurice Motz

 

08.11.1999

Winterthur - «Hauptsache kreativ»

Winterthur - Hauptsache kreativ

Kein Mensch behauptet, Werbung müsse in jeder Beziehung der Realität entsprechen und 1:1 der Wahrheit genüge tun. Ein bisschen Kreativität, eine Prise Phantasie und Humor sind durchaus angezeigt im Spiel der Kommunikation. Doch manchmal erlauben sich die Kreativen Auswüchse, welche in das Reich der Fabeln oder in die Welt des Lügenbarons Münchhausen passen. Nicht selten verlieren sie nämlich ganz gehörig den Boden unter den Füssen und entschweben mit ihren Gedanken in phantastische Dimensionen und Gefilde, welche einen Bezug zum Produkt reichlich rätselhaft erscheinen lassen. Ein Beispiel gefällig? Um ihre Policen anzubieten, lässt eine grosse Versicherung führerlose Motorräder auf Eisschollen in der Arktis (oder ist es die Antarktis?) umhertreiben. Oder sie behauptet, dass Autos, sich putzigen Singvögeln gleich, auf Bäumen niederlassen. Und im Text heisst es dann: «Kann passieren was will, unsere Spezialisten stehen...» etc etc. Und damit der verständnismässig arg strapazierte Betrachter der seltsamen Szene dann auch ja richtig reagiere, wird noch ein oranges Handy abgebildet. Zwecks Buchung einer Police. Weil diese Apparate aber ja immer kleiner werden und somit nicht sichtbar wären, lässt man sie einfach zu Zapfsäulengrösse anwachsen. Dergestalt farblich dominierend, verwirrt das Mobiltelefon den Betrachter vollends. Aber das macht nichts, Hauptsache, das Sujet ist hübsch und kreativ. So geht das in der Werbung.

Maurice Motz

 

08.10.1999

Mercedes E-Klasse - Eine Stilfrage

Mercedes - Eine Stilfrage

Nicht alles, was auf vier Rädern rumfährt, hat Stil. Es gibt schrötige Vehikel und klapprige, solche die rostgeplagt sind oder einfach altersschwach. Und dann sind da die typischen Alltagskarossen, deren Besitzer weder Anspruch auf Eleganz noch auf Prestige erheben, sondern ihren fahrbaren Untersatz lediglich als einen solchen betrachten. Am anderen Ende der Skala befinden sich die schnittigen Nobelmobile, deren Ausstrahlung von Selbstbewusstsein, Format und technischer Brillanz geprägt ist. Fahrzeuge, die Stil und Vornehmheit repräsentieren und die bei einem Grossteil der Bevölkerung Tagträume und neidische Blicke auslösen. Zu dieser Kategorie gehörten für mich immer diejenigen mit dem silbernen Stern und dem wohlklingenden Doppelnamen. Mercedes-Benz, das vierrädrige Symbol für Klasse schlechthin. Für Agenturen, die dieses einmalig schöne Gefährt bewerben können, ein Tummelfeld für kreativen Erfindungsgeist. Keine Schranke kann die Begeisterung für das sündhaft teure Luxusobjekt beeinträchtigen. Dachte ich. Doch was tun die Werber mit dem feinen Mobil? Sie drängen es an den unteren Rand der Anzeige und bilden oben dominierend vier Comiczeichnungen ab von irgendwelchen Gassenbuben, die unflätig umherpfeifen. Gedacht sind diese als Kurzlehrgang für diejenigen, die hinter dem Auto herpfeiffen wollen. Offenbar hat den Werbern noch niemand gesagt, das es wenig mit Stil zu tun hat, wenn man jemandem hinterherpfeift. Vor allem nicht einem Objekt mit Klasse. Und schon gar nicht mit E-Klasse.

Maurice Motz

 

08.09.1999

Jean Louis Tomme - Ein seltsamer Vergleich

Tomme - Ein seltsamer Vergleich

Um Eigenschaften von Gegenständen zu umschreiben, greift der Mensch häufig auf Vergleiche zurück. Etwas ist erst wirklich leicht, wenn es ist wie eine Feder. Jemand ist erst dünn, wenn man ihn mit einer Stecknadel verwechselt, und wirklich dumm ist jemand nur, wenn er den IQ von Bohnenstroh sein Eigen nennt. Wenn also jemand möglichst treffend die Attribute einer Sache erklären will, wählt er oder sie einen möglichst artverwandten Gegegenstand. Immer? Nein. Auch nicht immer öfter, denn mitunter kommen Werber auf seltsame Ideen. Um die Konsistenz eines zartschmelzenden Käses zu umschreiben, haben sie nicht etwa Anleihe bei einem weichfliessenden Gegenstand genommen, sondern bei einem Flysch. Und zwar einem tonigen. Da auch Herr Duden dieses Wort nicht geläufig ist, hilft man dem irritierten Betrachter mit einer Abbildung weiter: Wenn mich nicht alles täuscht, ist ein Flysch demnach ein Stück Sand- oder anderer Stein. Man erklärt also dem geneigten Konsumenten die unglaubliche Zartheit von Jean Louis Käse mit der spröden Härte eines Stücks Fels. Oder ist das Ganze vielleicht genau als Gegenteil gedacht? Möglich, nur: Was ist das Gegenteil eines Flyschs, wenn man nicht weiss, was ein ebensolcher ist? Fragen über Fragen. Möglicherweise haben die Werber ja einfach zu viel Respekt vor vergleichender Werbung. Und wählen deshalb die wesentlich weniger problematische aber auch weniger einfallsreiche Form der Dialektik.

Maurice Motz


08.08.1999

Schweizer Banken - Sprechblase als gemeinsamer Nenner

Banken - Sprechblase - gemeinsamer Nenner

Natürlich hätte man das Inserat mit der lustigen Maulkorbaktion der SVP zum Ziel unserer monatlichen Tomate erküren können, doch hier geht es nicht um Politik, sondern um Kommunikation und Kreation und deshalb haben wir ein anderes Sujet gewählt. Ganz unpolitisch ist dieses freilich auch nicht, geht es doch um Banken. Oder besser gesagt um das Image von Banken. Seit geraumer Zeit haben unsere weltbekannten Geldinsitute nicht nur Gold und Geld im Keller, ihr Image befindet sich auch dort. Schuld ist die Holocaust Debatte, der unfreundliche Herr Damato und andere, die unseren Finanzinstitutionen Böses wünschen. Und jetzt ist noch die Sache mit dem Entzug der Lizenz in Japan dazu gekommen. Kein Wunder müssen die Banken etwas für ihren Ruf unternehmen. Sie haben sich deshalb zusammengesetzt und diskutiert, wie man diesem Image wieder auf die Beine helfen könnte. Da Bankengeschäfte ausgesprochen komplex sind und von hochqualifizierten Spezialisten durchgeführt werden, kann nur die genialste und brillianteste Kampagne für die Kommunikation des Anliegens gut genug sein. Und so stellen sie sich denn auch dar, als Dienstleistungsunternehmen, die wirklich in jeder pekuniären Situation dem unbedarften Bürger unter die Arme greifen können. In zwei Sprechblasen teilen sie dem überraschten ja verblüfften Leser mit, dass man an Bancomaten Geld herauslassen kann. Eine phantastische Neuigkeit. Ja sogar wer etwas mit Liegenschaften zu tun hat, kann sich an die Geldinstitute wenden. Der Informationsgehalt dieser Texte ist tatsächlich berauschend. Und er wird bei soviel Fachkompetenz verratender Kommunikation zweifellos das leicht schief hängende Image der Banken spontan verbessern …

Maurice Motz


08.07.1999

Stop Aids - Der Absteller

Stop Aids - Der Absteller

Eigentlich ist Aids ja ein viel zu ernstes Thema, als dass man oder frau sich darüber lustig machen sollte. Da sich das Virus aber als Übertragungs- und Verbreitungsmechanismus fatalerweise ein mit Geschlechtlichkeit samt all ihren Peinlichkeiten verbundenes Verfahren ausgesucht hat, ist es unausweichlich, gelegentlich auch auf selbige einzugehen. Nun weiss man ja nachgerade, dass Liebe etwas mit Erektion zu tun hat. Und zwar deshalb, weil bei ausbleiben einer solchen die amouröse Zweisamkeit infolge Funktionsuntüchtigkeit der Gerätschaft gar nicht vollzogen werden kann. Und für diese Erektion gibt es seit alters her kreative Darstellungsformen. Sogenannte Phallussymbole. In bester Erinnerung ist die gewagte Präsentation des Tagesschausprechers Charles Clerc, der den Vorgang der Applikation eines Präservatives am naturgemäss erigierten Modell einer Banane demonstrierte. Da das vor einigen Jahren der Fall war, als die Gesellschaft noch reichlich prüder war als heute, sorgte bereits die gelbe Frucht für Aufregung. Inzwischen ist man, abgestumpft durch inflationäre erotische Darstellungen in Presse und TV weniger heikel. Dennoch, dass einer Werbeagentur, die eigentlich berufen sein sollte einfallsreicher zu sein, als der auf die Realität fixierte Durchschnittsbürger, keine elegantere Darstellungsform zu diesem Thema einfällt, als die Abbildung eines schnöde von links unten noch rechts oben ragenden Penis’, ist betrüblich. Und wird auch durch die vier zweifellos lustig gemeinten Titel nicht origineller. Auch die penetrant pinkfarbene Darstellung macht die Sache nicht wesentlich ansehnlicher. Mit anderen Worten: Die Kampagne ist ein Absteller und wird mit der Tomate des Monats Juli gewürdigt.

Maurice Motz

 

08.06.1999

Pertégé-Notebook - Futuristische Kreation

Toshiba - Futuristische Kreation

Ich gehöre zu einer Generation, die sich vom zunehmenden Tempo an Innovation leicht mal ein wenig überfodert fühlt. Kein Wunder hat mich das Inserat, das ich kürzlich in meiner Lieblings-Tageszeitung entdeckt habe, spontan beeindruckt: Da gibt es doch heute tatsächlich schon Notebooks, die sind in einer Armbanduhr untergebracht. Und am Gehäuse dieses technischen Wunderwerks sieht man kleine Stecker, Schalter und Rädchen, wie man sie vom Computer her kennt. Und die Headline «Ein Notebook, das Sie beim Tragen kaum spüren» untermalt beweisschlüssig die dominierend optische Aussage. Toll, denkt da der geneigte Betrachter und schüttelt innerlich den Kopf vor solch futuristischer Kreation. Unglaublich, was es heute alles gibt. Ein Blick auf den Kalender eliminiert den Verdacht, es könnte sich um einen Aprilscherz handeln, es ist also wahr. Gross genug ist das Ding ja abgebildet und auch das Geschriebene erläutert Klartext: «Die ultra-flachen Pertégé-Notebooks mit ihrem lässigen Design (…) sind die idealen Begleiter für Geschäftsreisende, die häufig unterwegs sind.» Noch nagen keine Zweifel. Erst beim Weiterlesen keimen sie auf: Das Ding ist volle 1,8 Kilogramm schwer. Und dann fällt der Blick auf den briefmarkenkleinen Packshot am unteren Ende der 1/1-Seite. Und da sieht das Notebook dann etwa so aus wie dasjenige, das in meinem Büro steht. Ist das nun ein überdimensioniertes Symbolbild oder nicht eher schon ein wenig Vorspiegelung falscher Tatsachen? Wie auch immer, für mich ist es allemal eine Tomate wert.

Maurice Motz

 

08.05.1999

Virgin Cola verliert seine Unschuld

Virgin Cola verliert seine Unschuld

Ein wenig übertreiben ist erlaubt. Davon lebt schliesslich eine ganze Branche. Und wenn es mit Witz, Charme und vielleicht noch etwas Esprit geschieht, kann man durchaus eine Kampagne goutieren, die verspricht, dass einem beim Konsum des Produktes Flügel wachsen. Doch alles hat seine Grenze. Wenn ein Wässerchen von sich derartigen Bödsinn wie eine Millenium-BUG-freie Zukunft verspricht, ist diese mit Verlaub überschritten. Abgesehn davon, dass ausser dem Texter kein Mensch weiss, was ein BUG-freies Cola ist, gehören die weiteren Behauptungen, welche die Anzeige zieren, auf den werbetextlichen Müll: «Die geheime Formel ist speziell für das nächste Jahrtausend entwickelt worden», steht da vollmundig weiss auf tomatenrot, ausserdem ist das Getränk «ein Schutz gegen vorzeitiges Altern». Offensichtlich aber nicht gegen grassierende Demenz. Vielleicht gibt es ja einen tieferen Sinn hinter dem Ganzen und wir sind einfach zu blöd, um ihn nachvollziehen zu können. Wir wären jedenfalls überglücklich wenn uns jemand erklären könnte, was der blaue Frosch und die rote Melone (oder ist es ein Flachpeperoni?) mit der tiefsinnigen Bemerkung «Deine Zukunft liegt vor Dir» zu tun haben. Wenn es einen ADC-Würfel für die abstruseste Anzeige gäbe, der Gewinner wäre uns bekannt. Da es dies nicht gibt, erhalten die Kreateure aber immerhin unsere Tomate des Monats. Herzliche Gratulation.

Maurice Motz

 

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